Die Geburtsstunde des Fernsehens

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Einer der Fern­seh­pio­nie­re, Robert Lem­ke, bemerk­te ein­mal rück­bli­ckend: “Es wird immer ein Rät­sel blei­ben, wie jemand das Fern­se­hen erfin­den konn­te, obwohl es doch damals gar kein Pro­gramm gab.”

Tja, ein ver­nünf­ti­ges Pro­gramm gibt es auch heu­te, Jahr­zehn­te spä­ter, nicht. Aber reich­lich öffent­lich-recht­li­che Fern­seh-Sen­de­an­stal­ten. Hier, beson­ders beim ZDF, tum­meln sich dann die soge­nann­ten alt­ge­dien­ten Poli­ti­ker aller Cou­leur. Wer sich für sei­ne Par­tei ver­dient gemacht hat, bekommt ein schö­nes Pöst­chen.

In den ver­gan­ge­nen Tagen wur­de das ZDF 50 Jah­re und fei­er­te ZDFsich selbst, zum Bei­spiel in einer zwei­tei­li­gen Jubi­lä­ums­show mit May­brit Ill­ner. Es gab eine “Zeit­rei­se durch die Fern­seh­ge­schich­te“, und alle, die wie­der mal gese­hen wer­den woll­ten, kamen zum Gra­tu­lie­ren. Aber auch zum offi­zi­el­len Sen­de­be­ginn des ZDF, am 1. April 1963, konn­ten nur weni­ge Fern­seh­teil­neh­mer erreicht wer­den. Vie­le Men­schen besa­ßen gar kein Emp­fangs­ge­rät für den UHF-Fre­quenz­be­reich.

Luftschutzbunker in HamburgDer dama­li­ge NWDR star­te­te das Deut­sche Fern­se­hen (heu­te “Das Ers­te”) am 25. Dezem­ber 1952 in den Luft­schutz­bun­kern auf dem Hei­li­gen­geist­feld in Ham­burg. In der DDR began­nen die ers­ten  Sen­de- und Emp­fangs­ver­su­che am 20. Dezem­ber 1951. Dann ver­gin­gen mehr als 10 Jah­re bis zum Sen­de­be­ginn des ZDF.

Mit der tat­säch­li­chen Geburts­stun­de des Fern­se­hens, die bereits 80 Jah­re zurück­liegt, hat sich Wolf­hard Bes­ser mit sei­nem Auf­satz “Wie das Fern­seh­zeit­al­ter Ost in Gör­litz begann” beschäf­tigt. Der Auf­satz wur­de in der Aus­ga­be Nr. 76 vom Okto­ber 2009 der Monats­zeit­schrift Stadt­BILD ver­öf­fent­licht:

Rela­tiv kur­ze Zeit nach der offizi­el­len Ein­füh­rung des Rund­funks in Deutsch­land 1923 gelang es Man­fred von Arden­ne, mit der Ent­wick­lung der Braun­schen Röh­re 1930 ers­te Bil­der dar­zu­stel­len und zu über­tra­gen. Im Früh­jahr 1934 begann der Pro­be­be­trieb des ers­ten öffent­li­chen Fern­seh­sen­ders, der in Ber­lin-Witz­le­ben stand, durch Bild­ab­tas­tung mit­tels Nip­kow-Schei­be. Die Ent­wick­lung des Fern­se­hens in Deutsch­land schritt soweit vor­an, dass zu den Olym­pi­schen Spie­len 1936 Direkt­über­tra­gun­gen von den Sport-Wett­kämp­fen in eigens dazu ein­ge­rich­te­ten Fern­seh­stu­ben in Ber­lin mög­lich wur­den. Zu wei­ter ent­fernt lie­gen­den Gegen­den reich­te die Aus­strah­lung des Pro­gramms nicht. Es muss­ten noch über 20 Jah­re ins Land gehen, bis auch in Gör­litz Fern­se­hen emp­fan­gen wer­den konn­te.

Die tech­ni­sche Ent­wick­lung des Fern­se­hens mach­te wei­te­re Fort­schrit­te, so dass schon 1938 auf der Funk­aus­stel­lung in Ber­lin eine ver­bes­ser­te Über­tra­gungs­tech­nik vor­ge­stellt wer­den konn­te. Der 2. Welt­krieg unter­brach die Ent­wick­lung, die erst wie­der Ende der 40er, Anfang der 50er Jah­re auf­ge­nom­men wer­den konn­te — in Ost- wie in West­deutsch­land.

1950 bereits begann der Nord­west­deut­sche Rund­funk (NWDR) in Ham­burg mit Fern­seh­ver­suchs­sen­dun­gen, um dann ab dem 25. Dezem­ber 1952 ein stän­di­ges Pro­gramm ein­zu­füh­ren. Auch in Ost­ber­lin waren die Tech­ni­ker und Wis­sen­schaft­ler soweit vor­an­ge­kom­men, dass sie ein Ver­suchs­pro­gramm star­ten konn­ten.

Das in Ber­lin-Adler­hof gegrün­de­te und seit 1950 im Auf­bau befind­li­che Fern­seh­zen­trum nahm am 21. Dezem­ber 1952 sein Ver­suchs­pro­gramm auf, vor­erst wie­der nur in Ber­lin zu emp­fan­gen, abge­strahlt zunächst vom Stadt­haus am Mol­ken­markt, spä­ter dann auch von den Müg­gel­ber­gen.

Aus einem beschei­de­nen Stu­dio in Adlers­hof sen­de­te das “Fern­seh­zen­trum Ber­lin” mehr­mals wöchent­lich ein zwei­stün­di­ges Pro­gramm, an das man noch kei­ne hohen Ansprü­che stel­len konn­te, 13 Stun­den in der Woche. Es fehl­ten ein­schlä­gi­ge Erfah­run­gen und tech­ni­sche Vor­aus­set­zun­gen. Das Are­al des Fern­seh­zen­trums wur­de zügig aus­ge­baut; wei­te­re Fern­seh­sen­der kamen dazu, erst in Leip­zig, dann folg­te Dres­den. Das Ver­suchs­pro­gramm gestal­te­te sich inzwi­schen auch abwechs­lungs­rei­cher und weck­te somit Inter­es­se, obwohl Fern­seh­ge­rä­te fast nicht erschwing­lich waren.

Pfiffige Gör­lit­zer Rund­funk­tech­ni­ker mach­ten sich Gedan­ken, wie man auch in der Nei­ße­stadt das Pro­gramm aus Adlers­hof emp­fan­gen könn­te. Auf­grund der Aus­brei­tungs­wei­se von Fern­seh­si­gna­len ist es nur mög­lich, sie von einem star­ken Sen­der aus in einem Umkreis von etwa 100 km mit­tels einer auf­wän­dig instal­lier­ten Anten­ne ein­zu­fan­gen. Theo­re­tisch hät­te die Abstrah­lung der Signa­le von Dres­den bis Gör­litz rei­chen müs­sen. Aber das Ober­lau­sit­zer Berg­land und die im Nei­ße­tal lie­gen­de Stadt sind Hin­der­nis­se in der Aus­brei­tung der Fern­seh­wel­len.

Da ist nur die Lan­des­kro­ne ein hoher Punkt, wo noch Fern­seh­emp­fang mög­lich wäre, sag­ten sich Gör­lit­zer Enthu­si­as­ten 1955/56. So began­nen u. a. zwei Betriebs­funk­tech­ni­ker aus dem VEB Gör­lit­zer Maschi­nen­bau und dem VEB Beklei­dungs­werk Gör­litz mit dem Expe­ri­ment. Und sie­he, auf dem Gör­lit­zer Haus­berg konn­te man die Signa­le aus Dres­den emp­fan­gen. Die Gast­stät­ten­lei­tung der Lan­des­kro­ne konn­te wohl über­zeugt wer­den, ein Fern­seh­ge­rät anzu­schaf­fen; ver­mut­lich wit­ter­te sie einen höhe­ren Umsatz an Geträn­ken und Spei­sen.

Seit Jah­res­an­fang 1956 war das Fern­se­hen aus Adlers­hof kein Ver­suchs­pro­gramm mehr. Es nann­te sich von nun an Deut­scher Fern­seh­funk (DFF). Zu die­sem Zeit­punkt regis­trier­te die Deut­sche DFFPost 13 000 Emp­fangs­ge­rä­te in der gesam­ten DDR. Da es sich in Gör­litz her­um­ge­spro­chen hat­te, dass auf der Lan­des­kro­ne Fern­se­hen mög­lich war, pil­ger­ten vie­le Gör­lit­zer bei beson­de­ren Ange­bo­ten am zei­ti­gen Abend auf den Haus­berg. Das Gerät stand dann am Kopf­en­de der gro­ßen Gast­stät­ten-Veran­da, die heu­te nur noch zu beson­de­ren Anläs­sen genutzt wird.

Sehr voll wur­de der Gast­raum bei der neu ein­ge­führ­ten Unter­hal­tungs­sen­dung “Da lacht der Bär“. Sie kam in der Regel vier­wö­chent­lich meist mitt­wochs aus dem alten Fried­rich­stadt-Palast. Da saßen nun eini­ge zehn Dut­zend Gäs­te in eigens auf­ge­stell­ten Stuhl­rei­hen und ver­folg­ten das schwarz-wei­ße Gesche­hen auf dem klei­nen Bild­schirm, soweit das über­haupt gelang. Für die hin­ters­ten Rei­hen stell­te die Fern­seh­über­tra­gung oft nur einen gemein­schaft­li­chen Rund­funk­emp­fang dar. An ande­ren Tagen, wenn Adlers­hof kei­ne so publi­kums­wirk­sa­men Pro­gram­me sen­de­te, stand das Emp­fangs­ge­rät im Turm­zim­mer.

In die­ser Zeit wur­de das DDR-Ter­ri­to­ri­um immer mehr fern­seh­mä­ßig erschlos­sen, so dass fast im gan­zen Land das Pro­gramm des DFF gese­hen wer­den konn­te. Aber es gab auch Gebie­te, die auf­grund der geo­gra­fi­schen Lage schlecht zu ver­sor­gen waren, wie das Gör­lit­zer Nei­ße­tal. Des­halb such­te das zustän­di­ge Res­sort “Rund­funk und Fern­se­hen im DDR-Minis­te­ri­um für Post und Fern­mel­de­we­sen“ einen Aus­weg. Der lag zunächst in der Erpro­bung eines Klein­sen­ders. Die Wahl fiel auf die Lan­des­kro­ne. Also errich­te­ten Funk­tech­ni­ker dort im Lau­fe des Jah­res 1956 einen Klein­sen­der für Ver­suchs­zwe­cke. Wäh­rend nor­ma­le Fern­seh­sen­der eine Leis­tung von min­des­tens 1 kW haben, ver­füg­te der Ver­suchs­sen­der auf der Lan­des­kro­ne nur über 200 Watt. Dazu muss­te der gro­ße Aus­sichts­turm der Lan­des­kro­ne als Fern­seh­sen­der­stand­ort aus­ge­rüs­tet wer­den. Außer die­sem Klein­sen­der wur­de noch ein UKW-Sen­der instal­liert, der bereits am 24.12.1956 sei­nen Pro­be­be­trieb auf­nahm und schon ab 1.1.1957 auf der Fre­quenz 95,2 MHz das Pro­gramm von Radio DDR aus­strah­len konn­te.

Auch dies war eine funk­tech­ni­sche Neue­rung, denn zu die­ser Zeit begann der DDR-Rund­funk sein UKW-Sen­der­netz aus­zu­bau­en. UKW Gör­litz war erst der fünf­te Sen­der die­ser Art von Radio DDR. In der Gör­lit­zer Regi­on konn­te man bis zu die­sem Zeit­punkt nur den schwa­chen Mit­tel­wel­len­sen­der Rei­chen­bach mit sei­nem abge­strahl­ten Pro­gramm des Ber­li­ner Rund­funks eini­ger­ma­ßen gut zu emp­fan­gen, das ja nicht gera­de für den Gör­lit­zer Raum gedacht war, aber das sor­bi­sche Sied­lungs­ge­biet aus dem dama­li­gen Sor­bi­schen Stu­dio Gör­litz (Hein­zel­stra­ße 4) mit Sen­dun­gen in sor­bi­scher Spra­che ver­sorg­te.

Am 15. Sep­tem­ber 1957 war es dann soweit: Von der Lan­des­kro­ne aus wur­den die ers­ten Fern­seh­si­gna­le aus­ge­strahlt. Die Gör­lit­zer konn­ten von nun an fern­se­hen, sofern ein Fern­seh­ge­rät für den Ein­zel­nen erschwing­lich war. Auch der Autor die­ser Erin­ne­run­gen ließ sich von die­sem neu­en Medi­um begeis­tern und bestell­te im HO-Rund­funk-Fach­ge­schäft in der Ber­li­ner Stra­ße ein Gerät mit Ein­tra­gung in eine War­te­lis­te. Es soll­te ein Appa­rat der Mar­ke “Radu­ga” mit 33er Bild­röh­re sein. Heu­te kaum vor­stell­bar, wie klein der Bild­schirm gewe­sen wäre, wenn es nicht eines Tages das Ange­bot gab, auf den neu­en Typ “Nord­licht“ mit 43er Bild­röh­re aus dem Fern­seh­ge­rä­te­werk Calbe/Saale aus­zu­wei­chen für 1.800 Mark; auf Abzah­lung bei 280 DDR-Mark Monats­ver­dienst! Zwölf Kanä­le besaß der Fern­se­her, aber nur einer davon war für den Klein­sen­der Lan­des­kro­ne bestimmt. Alle ande­ren blie­ben zunächst unbe­nutzt. Zwar konn­te man spä­ter auch das pol­ni­sche und tsche­chi­sche Fern­se­hen emp­fan­gen, aber ohne Ton, denn die ost­eu­ro­päi­schen Län­der hat­ten ein ande­res Über­tra­gungs­sys­tem gewählt, so dass nur der Bild­emp­fang mög­lich war. Trotz­dem schau­te man mal in das ton­lo­se Pro­gramm hin­ein. Sonn­tag­nach­mit­tags sen­de­te z.B. Tele­wizja Pol­s­ka eine eng­li­sche Aben­teu­er­se­rie über Robin Hood. Man sah eben mal etwas ande­re beweg­te Bil­der. Wolf­hard Bes­ser

Quel­len: Pro­gramm­zeit­schrif­ten “Unser Rund­funk“ (1957/58) und ”FF-dabei“ (1974) Deut­sches Rund­funk­ar­chiv Pots­dam, Bun­des­ar­chiv und pri­vat

 

 

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Ein Kommentar

  1. Es ist ja inter­es­sant, mei­nen Bei­trag aus “Stadt­BILD” in Gör­litz (Fern­se­hen in Gör­litz) auf die­ser Sei­te wie­der­zu­fin­den.

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