Königliche Baugewerkschule und Königliche Maschinenbauschule in Görlitz — Teil 3

Die König­li­che Bau­ge­werk­schu­le und König­li­che Maschi­nen­bau­schu­le Gör­litz befand sich jen­seits der Nei­ße in der Rei­chen­ber­ger Stra­ße in der frü­he­ren Gör­lit­zer Ost­stadt. Aus der Ost­stadt ist nach dem 2. Welt­krieg das heu­ti­ge pol­ni­sche Zgor­zel­ec her­vor­ge­gan­gen. Die Monats­zeit­schrift Stadt­BILD hat in ihrer Aus­ga­be vom März 2013 einen Auf­satz von Wolf­gang Stil­ler ver­öf­fent­licht, in dem His­to­ri­sches über die ehe­ma­li­ge Schu­le behan­delt wird:

1905-Königliche-Baugewerkschule

Anmer­kung: Leser zum Arti­kel der Bau­ge­werk- und Maschi­nen­bau­schu­le (Teil 1) Zunächst eine Berich­ti­gung. Ein Leser infor­mier­te mich, dass der Archi­tekt der Rothen­bur­ger Ver­si­che­rung (Gebäu­de der Hoch­schu­le) nicht der Bau­ge­werk­schul­leh­rer Prof. Hugo Behr gewe­sen ist, son­dern der bekann­te Gör­lit­zer Archi­tekt Ger­hard Röhr. Natür­lich hat der Leser Recht, und ich möch­te mich für die­se Ver­wechs­lung entschuldigen.

Ein wei­te­rer Leser meint, dass vor der Inge­nieur­schu­le für Maschi­nen­bau in die­sem Hau­se die Inge­nieur­schu­le für Schie­nen­fahr­zeu­ge ansäs­sig gewe­sen sei. Dies konn­te ich nicht über­prü­fen, da mir dazu kei­ne Quel­len zur Ver­fu­gung stehen.

Nach Erschei­nen des Arti­kels im Teil 1 über die Bau­ge­werk- und Maschi­nen­bau­schu­le infor­mier­te mich Frau Star­ke von der Melan­chthon­stra­ße, dass ihr Vater Hans Beckert vom 5.3.1932 bis zum 14.2.1934 an der Tech­ni­schen Staats­lehr­an­stalt für Maschi­nen­we­sen in Gör­litz stu­diert habe und sie im Besitz einer Rei­he von Doku­men­ten sei. Bei einem Treff konn­te ich die Zeit­zeug­nis­se ein­se­hen, und Frau Star­ke gab mir die Erlaub­nis, dar­über zu berichten:

Hans Beckert wur­de 1912 gebo­ren, besuch­te von 1918 bis 1927 die Volks- bzw. Grund­schu­le und wur­de aus der Ober­klas­se entlassen.

Von 1927 bis 1931 erlern­te er bei der Fir­ma Rein­hold Hil­brich in der Hother­stra­ße 1 das Schlos­ser- und Dre­her­hand­werk, wel­ches er mit dem Prä­di­kat “sehr gut” been­de­te, und für sein Gesel­len­stück erhielt er ein Diplom. Bereits in die­ser Zeit nahm er an Abend­kur­sen der Maschi­nen­bau­schu­le teil.

Vom Dezem­ber 1931 bis Febru­ar 1932 war er Volon­tär bei der Spe­zi­al­gie­ße­rei Trab­ner und Co, Jau­er­ni­cker Stra­ße 40. Vom 5.3.1932 bis zum 14.2.1834 besuch­te Herr Beckert die Tech­ni­sche Staats­lehr­an­stalt für Maschi­nen­we­sen in Gör­litz am Fried­richs­platz. Das Stu­di­um schloss er mit dem Prä­di­kat “Mit Aus­zeich­nung bestan­den” ab.

Reifezeugnis Vorderseite

Reifezeugnis Rückseite

An die­ser Anstalt gab es auch die Tech­ni­sche Ver­ei­ni­gung Staat­li­cher Maschi­nen­bau­schü­ler “Lusa­tia” Görlitz.

Nach dem Stu­di­um war er zunächst vom 19.2.1934 bis 31.7.1935 als Maschi­nen­tech­ni­ker im tech­ni­schen Büro Abt. Zie­ge­lei­ma­schi­nen der Fir­ma Rau­pach Maschi­nen­fa­brik beschäf­tigt und wech­sel­te dann am 1.8.1935 zur Wumag, Abt. Maschi­nen­bau. Dort war er als Dampf­ma­schi­nen-Kon­struk­teur und spä­ter als Mon­tag­e­in­ge­nieur für Dampf­tur­bi­nen tätig.

Klassenfoto

Im Okto­ber 1944 wur­de er zur Wehr­macht nach Lie­gnitz ein­be­ru­fen, Anfang 1945 zum Bau von Schüt­zen­grä­ben in Deutsch Ossig ein­ge­setzt und von dort ohne Vor­ankün­di­gung und Ver­ab­schie­dung von der Fami­lie an die Front ver­la­den. Die letz­te Feld­post kam aus Neu­ham­mer bei Sagan, datiert vom 12.2.1945, erreich­te die Fami­lie aber erst  Ende Febru­ar 1945.

Burschenschaft

Bereits beim ers­ten Kampf­ein­satz am 15.2.1945 in Dober­pau­se bei Sagan am Queiß wur­de er so schwer ver­wun­det, dass er an den Fol­gen ver­starb. Wo er sei­ne letz­te Ruhe fand, ist trotz Nach­for­schun­gen nicht bekannt.

Von der König­li­chen Maschi­nen­bau­schu­le zur Tech­ni­schen Staats­lehr­an­stalt für Maschi­nen­we­sen Gör­litz zur höhe­ren Tech­ni­schen Staats­lehr­an­stalt für Maschi­nen­we­sen Gör­litz. Im Besitz der Fami­lie Star­ke befin­det sich auch die Fest­schrift zur 40-Jahr-Fei­er der Höhe­ren Tech­ni­schen Staats­lehr­an­stalt für Maschi­nen­we­sen Gör­litz 1898 — 1938. Ein ein­ma­li­ges Doku­ment über die Geschich­te der Anstalt, die nicht ein­mal in den Gör­lit­zer Archi­ven vor­han­den ist.

Mitgliedsausweis

Die Ein­rich­tung wur­de, wie bereits erwähnt, 1898 auf Anre­gung des hie­si­gen “Tech­ni­schen Ver­eins“ im neu errich­te­ten Gebäu­de am Fried­richs­platz gemein­sam mit der Bau­ge­werk­schu­le ein­ge­rich­tet. Die Stadt muss­te sich jedoch ver­pflich­ten, für die unent­gelt­li­che Unter­brin­gung der Schu­le zu sor­gen und einen erheb­li­chen Betriebs­kos­ten­zu­schuss für den Unter­halt zu zah­len. Der Staat über­nahm nur die Kos­ten für das Lehr­per­so­nal, die Unter­hal­tung des Inven­tars und der tech­ni­schen Einrichtungen.

Die Schu­le bestand zunächst aus einem 4‑klassigen Werk­meis­ter­un­ter­richt und einer Fort­bil­dung für Maschi­nen­bau­er, Schlos­ser und Schmie­de. An die­ser Ein­rich­tung wur­de bereits 1910 neben dem Direkt­stu­di­um das Abend- und Sonn­tags­stu­di­um mit 6 auf­stei­gen­den Klas­sen mit wöchent­lich 10 Unter­richts­stun­den eingeführt.

Im Som­mer 1905 wur­de mit dem Bau des maschi­nen- und elek­tro­tech­ni­schen Labo­ra­to­ri­ums begon­nen und die­ses am 1.10.1906 ein­ge­weiht. Die Stadt stell­te für des­sen Bau 50.000,- Mark bereit, und das Minis­te­ri­um für Han­del und Gewer­be bewil­lig­te für die Anschaf­fung von Maschi­nen und Appa­ra­ten 45.000,- Mark. Wei­te­re Aus­tat­tungs­ge­gen­stän­de wur­den durch Spon­so­ren zur Ver­fü­gung gestellt.

Staatslehranstalten

Im August 1914 wur­de wegen der Ein­be­ru­fun­gen die Anstalt geschlos­sen und im Som­mer­halb­jahr 1915 der Unter­richt im sehr beschränk­ten Umfan­ge wie­der auf­ge­nom­men. Tei­le der Schu­le wur­den vom Land­sturm­ba­tail­lon des IR 19 bis 1916 belegt, und spä­ter wur­de in den obe­ren Räu­men ein Reser­ve­la­za­rett des DRK ein­ge­rich­tet. Danach fand vom Novem­ber 1918 bis April 1919 noch ein­mal eine mili­tä­ri­sche Ein­quar­tie­rung durch das Frei­korps Fau­pel statt, so dass erst danach ein ordent­li­cher Schul­be­trieb wie­der mög­lich war. Im Som­mer­se­mes­ter 1919 waren es 93 Stu­den­ten. In den Jah­ren von 1924 bis 1930 war in der Ein­rich­tung die Hee­res­fach­schu­le mit 3 Klas­sen mit je 20 bis 30 Hee­res­an­ge­hö­ri­gen zusätz­lich belegt.

Mit der Welt­wirt­schafts­kri­se Anfang 1930 wur­den vie­le Schu­len auf­ge­löst, und die Gör­lit­zer Ein­rich­tung soll­te das glei­che Schick­sal erei­len. Zähl­te doch die Ober­lau­sitz durch beson­ders hohe Arbeits­lo­sig­keit zum Not­stands­ge­biet, und das führ­te zu sehr gerin­gen Ein­schrei­bun­gen an die­ser Anstalt.

Dage­gen wehr­ten sich die Stadt, die hie­si­ge Indus­trie, Post und Bahn mit Erfolg. Das Reichs­er­zie­hungs­mi­nis­te­ri­um stimm­te dem Wei­ter­be­trieb der Anstalt zu, leg­te aber fest, dass mit Wir­kung vom 1.10.1936 die Gör­lit­zer Schu­le in eine “höhe­re Tech­ni­sche Staats­lehr­an­stalt für Maschi­nen­we­sen“ umzu­ge­stal­ten sei mit dem­entspre­chend ver­än­der­ten Lehrplänen.

Indem 10% der Schul­geld­ein­nah­men für Stu­di­en­bei­hil­fen bzw. Schul­geld­be­frei­un­gen für bedürf­ti­ge Stu­den­ten ver­wen­det wer­den konn­ten und die Indus­trie Frei­stel­len und ein­ma­li­ge Unter­stüt­zun­gen zur Ver­fü­gung stell­te, stie­gen die Stu­di­en­teil­neh­mer­zah­len wie­der erheb­lich an. Ab 1937 waren dies nur an der Abend­schu­le zwi­schen 112 und 146 Teilnehmer.

Raupach

Segens­reich war von Anfang an die Unter­stüt­zung Gör­lit­zer Unter­neh­men, ins­be­son­de­re der Fir­ma Richard Rau­pach, Maschi­nen­fa­brik Gör­litz. Bereits im April 1914 wur­de der Anstalt die “Richard Rau­pach Stif­tung“ mit einem Betrag von 15.000,- Mark über­ge­ben. Aus den Zin­sen soll­ten bedürf­ti­ge Stu­den­ten mit Wohn­sitz in Gör­litz ein Sti­pen­di­um erhal­ten. Anspruch hat­ten aber in ers­ter Linie Schü­ler, die in der Fir­ma Rau­pach gelernt hat­ten. Im Jah­re 1918 errich­te­te Kom­mer­zi­en­rat Rau­pach erneut eine Stif­tung in Höhe von 20.000,- Mark, die der För­de­rung und Aus­bil­dung von Kriegs­in­va­li­den zu Werk­meis­tern und Tech­ni­kern die­nen soll­te. Lei­der ging die­ses Ver­mö­gen mit der Infla­ti­on verloren.

Dar­über hin­aus gab es für die Schu­le die “Lou­is Queiß­ner Stif­tung“, die “Ein­tracht Stif­tung“ und die “Wein­berg Stif­tung“. Wei­te­re Fir­men, Pri­va­te und Gemein­den stell­ten ein­ma­li­ge oder lau­fen­de Beträ­ge zur Ver­fü­gung, so dass ein Schul­stif­tungs­ver­mö­gen von 11.000,- Mark ent­ste­hen konn­te. Aus des­sen Zin­sen in Höhe von 800,- Mark konn­ten wei­te­re Unter­stüt­zun­gen an Bedürf­ti­ge gewährt werden.

Kofferfabrik in Moys

Als ein ganz wich­ti­ges Ziel gestal­te­te sich an die­ser Ein­rich­tung die Begab­ten­för­de­rung, indem Jugend­li­che aus nicht ver­mö­gen­den Ver­hält­nis­sen ein Stu­di­um auf­neh­men konn­ten. Die Schul­bi­blio­thek umfass­te 40.000 Lehr­bü­cher und Fach­zeit­schrif­ten zur kos­ten­lo­sen Aus­lei­he. Im Ver­lau­fe der 40 Jah­re (1898–1938) sind in 69 Semes­tern 1843 Stu­die­ren­de ein­ge­tre­ten, davon haben 1302 Stu­die­ren­de das Rei­fe­zeug­nis erhal­ten, das sind 70 % der Ein­ge­tre­te­nen. Den Fir­men, die in unei­gen­nüt­zi­ger Wei­se die Staats­lehr­an­stalt und ihre Stu­die­ren­den durch Gewäh­rung von Bei­hil­fen und der kos­ten­lo­sen Über­las­sung von Maschi­nen und Ein­rich­tun­gen unter­stützt hat­ten, wur­de aus Anlass des 40-jäh­ri­gen Bestehens der Schu­le ins­be­son­de­re gedankt.

Arnade, Koffer und Lederwarenfabrik Görlitz

Das waren unter ande­rem fol­gen­de Gör­lit­zer Ein­rich­tun­gen und Unter­neh­men: Stadt Gör­litz; Stadt­wer­ke Gör­litz; Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Gör­litz; Wumag Abtei­lung Wag­gon­bau und Abtei­lung Maschi­nen­bau; Richard Rau­pach, Maschi­nen­fa­brik Gör­litz; Roscher Maschi­nen­fa­brik Gör­litz; Wies­ner, Maschi­nen­fa­brik Gör­litz; Fischer, Feu­er­lösch­ge­rä­te­fa­brik Gör­litz; Chris­toph & Unmack, Maschi­nen­fa­brik Nies­ky; Sauer­stoff­werk Gör­litz; Ernst Bulow & Co, Metall­wa­ren­fa­brik Gör­litz; Ernst Bent­zin, Werk­stät­ten für pho­to­gra­phi­sche Appa­ra­te Gör­litz; Arna­de, Kof­fer und Leder­wa­ren­fa­brik Gör­litz; Mauksch, Fur­nier- und Säge­werk Gör­litz; Paul Tesch, Auto­zen­tra­le Gör­litz; Nord­mann & Sohn, Heiz- und Koch­ge­rä­te Gör­litz und andere.

Wiessner

Hier tru­gen die Unter­neh­men noch Ver­ant­wor­tung für die Aus­bil­dung des Nach­wuch­ses. Als bedeut­sam ist fol­gen­de Fest­stel­lung zu wer­ten. Die ver­hält­nis­mä­ßig kur­ze Aus­bil­dungs­zeit für das Inge­nieur­stu­di­um zwang die ver­ant­wort­li­chen Lehr­stät­ten, den Unter­richt auf das unbe­dingt not­wen­di­ge Maß zu beschrän­ken. Der jun­ge Inge­nieur muss mit dem wis­sen­schaft­li­chen Rüst­zeug aus­ge­stat­tet wer­den, mit dem er über­all die an ihn her­an­tre­ten­den Auf­ga­ben meis­tern kann. Für den Unter­richt ist des­halb nicht Aus­wei­tung, son­dern Beschrän­kung und Ver­tie­fung die For­de­rung. Bei der heu­te ver­zweig­ten Tech­nik wäre es grund­falsch, Son­der­ge­bie­te zu för­dern. Es hat sich viel­mehr der Unter­richt auf die Grund­la­gen und Haupt­fach­ge­bie­te zu beschrän­ken. Auf­ge­schrie­ben wur­de die­ses 1938 — könn­ten dar­aus Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen wer­den, von wel­chem Bal­last heu­te Stu­die­ren­de befreit wer­den könnten?

Autor: Wolf­gang Stil­ler, Dres­de­ner Str. 28, 02826 Görlitz
Nach­druck mit Geneh­mi­gung des Stadt­BILD-Ver­la­ges Görlitz

Nach Ver­öf­fent­li­chung des ers­ten Auf­satz­tei­les bat mich Herr Wolf­gang Stil­ler per E‑Mail, auch die Tei­le 2 und 3 sei­nes Auf­sat­zes zu ver­öf­fent­li­chen. Bis­her lie­ßen sich kei­ne Doku­men­te fin­den, ob und wie die Schu­le wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges von 1939 bis 1945 funk­tio­nier­te. Beson­ders inter­es­siert ist der Ver­ein Ober­lau­sit­zer Berg­leu­te e. V. an Mit­tei­lun­gen und Zeit­do­ku­men­ten der Berg­vor­schu­le (1901 – 1904 an die­ser Ein­rich­tung), da es auch in den Gör­lit­zer Archi­ven dazu kein Mate­ri­al gibt.

Seit 1945 steht der Stadt Gör­litz durch die Grenz­fest­le­gung nach dem 2. Welt­krieg die­se Bil­dungs­ein­rich­tung nicht mehr zur Ver­fü­gung. Heu­te beher­bergt die­ses an der Uli­ca Par­ty­zan­tów 4 (ehe­ma­li­ge Fried­richs­platz) gele­ge­ne alte Gebäu­de der frü­he­ren Bau­ge­wer­ke- und Maschi­nen­bau­schu­le das Gim­nazjum Łuży­ckie (Gym­na­si­um) und das  Lice­um Ogól­noksz­tałcące im. Bra­ci Śnia­de­ckich (All­ge­mein­bil­den­des Lyzeum).
König­li­che Bau­ge­werk­schu­le – Teil 1
König­li­che Bau­ge­werk­schu­le – Teil 2

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