Heute vor 105 Jahren

Am 9. Mai 1908 stürz­te das Dach der Gör­lit­zer Stadt­hal­le ein. Zur Erin­ne­rung an die­ses trau­ri­ge Ereig­nis hat die Monats­zeit­schrift Stadt­BILD hat in ihrer Aus­ga­be Nr.  59 vom Mai 2008 einen Auf­satz von Herrn Dr. Ernst Kretz­sch­mar veröffentlicht:

Sanft knirsch­te der fri­sche Kies unter den Schuh­soh­len der zwei Män­ner, die am 9. Mai 1908 mit eili­gen Schrit­ten zur stei­ner­nen Neiße­brü­cke unter­wegs waren. Sie woll­ten sich die neu­es­te ehe­ns­wür­dig­keit anschau­en — die Musik­hal­le, in der man bei Stadthalle Görlitzden letz­ten Aus­bau­ar­bei­ten war. Es hat­te viel Hin und Her um die neue Stadt­hal­le gege­ben. Die Gör­lit­zer hat­ten die­sen gräß­li­chen Zir­kus­schup­pen “Musik­stall” getauft. Er war längst zu ärm­lich für die Schle­si­schen Musik­fes­te gewor­den. Aber das neue Haus mit sei­nen zwei Sälen, sei­ner Gast­stät­te und sei­nem Kon­zert­gar­ten moch­te zu kost­spie­lig für Gör­lit­zer Ver­hält­nis­se sein. Erst 1906 hat­ten die Stadt­ver­ord­ne­ten die ver­an­schlag­ten 810.000 Mark geneh­migt. Eine Lot­te­rie erbrach­te 300.000 Mark, Spen­den gin­gen ein. Mitt­ler­wei­le wur­de alles teu­rer, man beschleu­nig­te das Bau­tem­po, und nun waren es nur noch Wochen bis zur Eröff­nung.
Es war  gera­de eine Vier­tel­stun­de nach drei als ein son­der­ba­res, kräf­ti­ges Rau­schen ertön­te. Sekun­den spä­ter folg­te ein don­nern­des Getö­se, als hät­te eben ein Blitz einen Park­baum getrof­fen. Ein gewal­ti­ger grau­brau­ner Staub­pilz wuchs aus dem Gebäu­de, ver­fins­ter­te den Him­mel und umhüll­te die Mau­ern. Mit Schrei­en des Ent­set­zens spran­gen Bau­ar­bei­ter aus Türen und Fens­tern zu ebe­ner Erde. Einer jag­te zum Feu­er­mel­der am Park und zog den Alarmhebel.

Nach weni­gen Minu­ten war die ers­te Feu­er­wehr da. Lang­sam senk­te sich die Staub­wol­ke. Fas­sungs­los sahen Spa­zier­gän­ger, dass der obe­re Teil der Umfas­sungs­mau­er fehl­te. Auch die Dach­fi­gu­ren waren verschwunden.

Um vier Uhr nach­mit­tags hat­te sich eine auf­ge­reg­te Men­schen­men­ge ange­sam­melt. Was war gesche­hen? Was tat sich dort unten in den Trüm­mern? Wei­te­re Feu­er­weh­ren rück­ten an — 40 Mann Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr, 20 Mann Werk­feu­er-Wehr und 80 Arbei­ter aus der Wag­gon­fa­brik. Spä­ter kam noch eine Kom­pa­nie Pio­nie­re. Ret­tungs­wa­gen fuh­ren durch die schma­le Gas­se inmit­ten der Tau­sen­de, die Stun­de um Stun­de war­te­ten. Zei­tungs­re­por­ter tauch­ten auf, dann die Foto­gra­fen mit ihren Apparaten.

End­lich stieg ein Bau­füh­rer auf einen Feu­er­wehr­wa­gen und gab knapp Aus­kunft, was man bis jetzt wis­sen konn­te. Stu­cka­teu­re Stadthalle Görlitzhat­ten auf dem Hoch­ge­rüst an der Saal­de­cke gear­bei­tet, als plötz­lich das Dach des Mit­tel­baus ein­ge­stürzt war und die Gerüs­te hin­ab­ge­ris­sen hat­te. Die her­ab­stür­zen­de Dach­kon­struk­ti­on hat­te den Saal­bo­den ein­ge­drückt, die Trüm­mer füll­ten nun die Kel­ler. Logen und Rän­ge waren zer­stört,
die Außen­mau­ern ein­ge­ris­sen. Fünf Arbei­ter waren durch den Schutt erschla­gen oder erstickt, acht wei­te­re ver­letzt wor­den. Zum Glück waren eini­ge Beschäf­tig­te schon mit dem Nach­mit­tags­zug abge­fah­ren, um am Wochen­en­de bei ihren Fami­li­en zu sein, sonst hät­te die Kata­stro­phe mehr Men­schen­le­ben gefor­dert. Archi­tekt und Bau­lei­ter waren in Unter­su­chungs­haft, hieß es.

Der Abend wur­de trü­be und reg­ne­risch. Die Regen­strö­me eines Gewit­ters schlu­gen gegen die ein­sturz­ge­fähr­de­ten Wän­de. Zer­bors­te­ne Bal­ken, ver­bo­ge­ne Stahl­trä­ger und Stein­klum­pen ver­meng­ten sich zu einer gespens­ti­schen Kra­ter­land­schaft. Erst am Sonn­tag­abend wur­den die Ret­tungs­ar­bei­ten eingestellt.

Zei­tun­gen berich­te­ten vom Fort­gang der Unter­su­chun­gen, vom Pro­zess gegen die Ver­ant­wort­li­chen, der 60.000 Mark kos­te­te und mit Frei­spruch ende­te, und von der um zwei Jah­re ver­spä­te­ten glanz­vol­len Eröff­nung am 27. Okto­ber 1910.

Hat­ten die Stadt­vä­ter anfangs mit den Bau­kos­ten geknau­sert, waren nun am Ende 1.140.000 Mark zusam­men­ge­kom­men. Für die Bau­ar­bei­ter gab es ein Ban­kett im gro­ßen Saal. Beim Eröff­nungs­kon­zert aber blie­ben die hohen Herr­schaf­ten unter sich. Ver­stoh­len blick­te man­cher befrack­te Ehren­gast zur Saal­de­cke hoch. Dass sie jetzt stand­hielt, war mit Men­schen­op­fern erkauft. In der Zei­tung jedoch las man von kost­ba­ren Gar­de­ro­ben und von jubi­lie­ren­dem Chor­ge­sang.
Dr. Ernst Kretz­sch­mar
(Aus: Geschich­ten aus Alt-Gör­litz, 1983
)

Text und Bil­der mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Stadt­BILD-Ver­la­ges Görlitz

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