Der Gelbe Schein — Mädchenhandel 1860 bis 1930

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Der Gelbe Schein — Mädchenhandel 1860 bis 1930

Mil­lio­nen Mäd­chen und jun­ge Frau­en aus Euro­pa ver­las­sen in den Jah­ren um 1900 ihre Hei­mat: Sie rei­sen aus Hes­sen nach Kali­for­ni­en, aus Russ­land nach New York oder aus Gali­zi­en nach Bue­nos Aires, um dort ihr Glück und eine neue Exis­tenz zu suchen. Für Zehn­tau­sen­de von ihnen führt der Weg in die Pro­sti­tu­ti­on. Der Bedarf an weib­li­cher Zuwen­dung und sexu­el­len Dienst­leis­tun­gen ist in den gro­ßen Ein­wan­der­erzen­tren der Neu­en Welt enorm.

Der Gelbe ScheinDer Gel­be Schein. Mäd­chen­han­del 1860 bis 1930“ ist eine gemein­sa­me Aus­stel­lung der Stif­tung Neue Syn­ago­ge Ber­lin – Cen­trum Judai­cum und des Deut­schen Aus­wan­der­hau­ses Bre­mer­ha­ven.

Sie greift ein bis­lang unge­schrie­be­nes und weit­ge­hend unbe­kann­tes Kapi­tel der euro­päi­schen Mas­sen­aus­wan­de­rung und auch der jüdi­schen Sozi­al­ge­schich­te auf. „Der Gel­be Schein“, ein umgangs­sprach­li­cher Aus­druck für den Pro­sti­tu­ier­ten-Aus­weis im vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Russ­land, ist auch ein Sym­bol für die Zwangs­la­ge vie­ler jun­ger Frau­en in jener Zeit: Ein Umzug vom Stetl in Städ­te wie Mos­kau oder St.Petersburg war Jüdin­nen in Russ­land offi­zi­ell nur erlaubt, wenn sie sich als Pro­sti­tu­ier­te regis­trie­ren lie­ßen.

 Der Gelbe Schein

Auch in Öster­reich-Ungarn und im Deut­schen Reich hat­ten jun­ge Mäd­chen aus den ärme­ren Bevöl­ke­rungs­schich­ten oft kei­ne ande­re Über­le­bens­chan­ce, als ihren Kör­per zu ver­kau­fen. Eine Aus­wan­de­rung in die Neue Welt wur­de für sie fast immer zur ris­kan­ten Grat­wan­de­rung: Sie such­ten Arbeit in Pri­vat­haus­hal­ten, Gast­stät­ten oder Tanz­pa­läs­ten und lan­de­ten im Bor­dell. Mit Gewalt ver­schleppt, mit mär­chen­haf­ten Ver­spre­chen ver­führt oder aus frei­en Stü­cken? Die Dis­kus­si­on dar­über wur­de schon damals vehe­ment geführt.

In jah­re­lan­gen Recher­chen hat das Aus­stel­lungs­team um die Kura­to­rin Ire­ne Stra­ten­werth nach Spu­ren gesucht, die vom Leben die­ser Mäd­chen und jun­gen Frau­en erzäh­len – und von den Män­nern und Frau­en, die mit ihnen Geld ver­dien­ten. Oft ist nicht mehr als ein ein­zel­nes Frag­ment geblie­ben: ein Foto, ein Poli­zei- oder Gerichts­pro­to­koll, eine Zei­tungs­no­tiz, ein Brief. 

Und doch ent­steht aus den Fund­stü­cken aus Archi­ven, unter ande­rem in Ber­lin, Ham­burg, Genf und Wien, in Czer­no­witz, Odes­sa und Bue­nos Aires, eine berüh­ren­de Schau, gestal­tet und ein­ge­rich­tet von Stu­dio Andre­as Hel­ler, Archi­tec­ts und Desi­gners in Ham­burg. Mit Bil­dern, Tex­ten, Land­kar­ten, Brie­fen und Audi­odo­ku­men­ten gelingt eine Annä­he­rung an die Lebens­schick­sa­le der „allein aus­wan­dern­den Mäd­chen“. Erst­mals wer­den auch zwei in einem Archiv in St. Peters­burg auf­ge­fun­de­ne Vari­an­ten des „Gel­ben Scheins“ von 1875 und 1894 in Deutsch­land prä­sen­tiert.

Die Aus­stel­lung, die in Ber­lin und Bre­mer­ha­ven zeit­gleich, aber mit ver­schie­de­nen Schwer­punk­ten gezeigt wird, behan­delt auch einen wich­ti­gen Aus­schnitt der jüdi­schen Sozi­al­ge­schich­te: Fast vier Mil­lio­nen Juden wan­der­ten bis 1930 aus Ost­eu­ro­pa aus. Die meis­ten von ihnen gehör­ten zu den Ärms­ten der Armen.

Das Pro­jekt wird durch die Kul­tur­stif­tung des Bun­des ermög­licht. Die Aus­stel­lungs­er­öff­nung im Cen­trum Judai­cum Ber­lin fin­det am 19. August 2012 im Rah­men und mit Unter­stüt­zung der Jüdi­schen Kul­tur­ta­ge statt. Im Deut­schen Aus­wan­der­er­haus Bre­mer­ha­ven wird die Schau am  26. August 2012 eröff­net und ist ab dem 27. August für die Besu­cher zu sehen. Ein Begleit­band erscheint in der Schrif­ten­rei­he des Deut­schen Aus­wan­der­er­hau­ses.
Ter­mi­ne:
Sams­tag, 26. August 2012 bis Don­ners­tag, 28. Febru­ar 2013

Deut­sches Aus­wan­der­er­haus
Colum­bus­stra­ße 65
27568 Bre­mer­ha­ven

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