Vom Bremerhavener Volksgarten zur ersten Stadthalle

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In fast jeder Stadt gab es Gebäu­de, von denen heu­te kaum noch jemand etwas weiß. Nur noch alte Bil­der und Ansichts­kar­ten geben dar­über Aus­kunft. Und nur noch anti­qua­ri­sche Bücher erzäh­len uns die zeit­ge­nös­si­schen Geschich­ten über die alten Häu­ser. Sonst wür­den sie wohl für immer aus unse­rer Erin­ne­rung ver­schwin­den.

Auch dass es einst in Bre­mer­ha­ven in der Deich­stra­ße einen “Volks­gar­ten” gab, weiß heu­te kaum noch jemand:

Stadttheater und Volksgarten 1901 in der Deichstraße in Bremerhaven

Schon früh begann in Bre­mer­ha­ven auch das kul­tu­rel­le Leben. In den 1860er Jah­ren gab es bereits vie­le Gesangs­ver­ei­ne. Noch viel frü­her haben in Bre­mer­ha­ven gele­gent­lich rei­sen­de Schau­spieler­grup­pen  für Unter­hal­tung gesorgt. Zunächst wur­de in einem Hin­ter­haus an der  Fähr­stra­ße in den 1840er Jah­ren eine dau­er­haf­te Unter­hal­tungs­mög­lich­keit ein­ge­rich­tet. Spä­ter fan­den die Vor­stel­lun­gen in der Wirt­schaft von Claus Meyn statt. Das war an der Ecke Bür­ger­meis­ter-Smidt-Stra­ße und Mit­tel­stra­ße. Heu­te steht an dem Ort die Spar­kas­se.

Aber auch an ande­ren Orten wur­de Thea­ter gespielt. So stell­te zum Bei­spiel der Schiff­bau­er Cor­ne­li­us sei­nen Besitz an der Gees­te zur Ver­fü­gung. Für Cor­ne­li­us war sei­ne “Kunst­bu­de” ein gutes Geschäft, befand sich doch im Saal sein Schank­tisch, an dem er wäh­rend der Vor­stel­lung Bier aus­schenk­te. An rot gestri­che­nen Tischen  konn­te man in aller Gemüts­ru­he sein Bier trin­ken und sei­ne Pfei­fe rau­chen, wäh­rend auf der Büh­ne die Lei­den­schaf­ten tob­ten. Soll­te das Stück nach den Zwi­schen­ak­ten fort­ge­führt wer­den, soll Cor­ne­li­us zur Büh­ne rüber­ge­brüllt haben: “Noch nich wed­der anfan­gen. De Her­rens hefft eren Grog noch nich ut!” Und über den Köp­fen der Zuschau­er saus­ten auch schon mal Rat­ten durch das Gebälk.

Gruß aus dem Volksgarten Bremerhaven aus dem Jahre 1901

1868 kauf­te Musik­di­rek­tor Schwie­fert das Grund­stück des Cor­ne­li­us und bau­te es groß­zü­gig zum  wohl größ­ten Saal- und Gar­ten-Eta­blis­se­ment um – dem “Volks­gar­ten” auf der Deich­stra­ße. Neben einem gro­ßen Saal ent­stan­den ein Kon­zert­gar­ten und ein neu­es Thea­ter­ge­bäu­de. Hier fand fort­an das Bre­mer­ha­ve­ner Gesell­schafts­le­ben statt. Im Som­mer waren im Kaf­fee­gar­ten abends bei Lam­pion­be­leuch­tung Kon­zer­te der belieb­ten Albert-Kapel­le. Im gro­ßen Saal fan­den Ver­eins­fes­te, Bäl­le und Tanz­un­ter­richt statt.

Der Bür­ger­club mit sei­nem Wohl­tä­tig­keits­ba­sar war beson­ders beliebt. Wochen vor­her wur­de gestrickt, gehä­kelt und gestickt. Dann wur­de im gro­ßen Saal eine Buden­stadt auf­ge­baut, und es wur­de alles ver­kauft. Aber an einem Stand konn­te man kei­ne Hand­ar­bei­ten kau­fen. Hier boten rei­zen­de Sou­bretten und belieb­te Schau­spie­le­rin­nen ihre locken­den Lip­pen zum Küs­sen an – aber es gab kei­nen Kuss unter zehn Mark für die Wohl­fahrts­kas­se.

Sub­ven­tio­nen bekam der Musik­di­rek­tor für sein “Stad­thea­ter” nicht. Es war sein rein pri­va­tes Unter­neh­men, um das sich die Stadt nicht küm­mer­te.  Um einen zer­schlis­se­nen Vor­hang erset­zen zu kön­nen, wur­de zwi­schen den Akten ein Vor­hang mit Rekla­me gezeigt. Die Rekla­me allein mach­te es bei der chro­ni­schen Kas­sen­lee­re mög­lich, einen neu­en Vor­hang anzu­schaf­fen.

Um die Zuschau­er anzu­lo­cken, wur­den vor­wie­gend unter­halt­sa­me Stü­cke gespielt. Kaba­rett­ein­la­gen, Varie­té­vor­stel­lun­gen und sogar Ring­kämp­fe gehör­ten zum Pro­gramm, um die Thea­ter­kas­se zu fül­len.

1927 Stadthalle in der Deichstraße in Bremerhaven

Aber auch anspruchs­vol­le Auf­füh­run­gen bekam man im “Stadt­thea­ter Bre­mer­ha­ven” zuse­hen. Die Dar­bie­tun­gen des “Gemisch­ten Chors” unter Musik­di­rek­tor Wol­te­mas fand bei der Bre­mer­ha­ve­ner Bevöl­ke­rung gro­ße Zustim­mung. Und ab 1872 gab es sogar Opern zu sehen. Mit Ver­dis “Trou­ba­dour” fing es an, und vie­le wei­te­re bedeu­ten­de Wer­ke folg­ten. Mit “Lohen­grin” und “Tan­nen­häu­ser” stan­den in der Sai­son 1877 sogar Wer­ke von Richard Wag­ner auf dem Spiel­plan.

Anfang der 1880er Jah­re hat ein Kon­sor­ti­um den “Volks­gar­ten” gekauft und an der Stra­ßen­sei­te ein gro­ßes Haupt­ge­bäu­de bau­en las­sen. Gleich­wohl fan­den die Thea­ter­auf­füh­run­gen wei­ter­hin in den alten Räu­men an der Gees­te statt. 1903 wur­de der Thea­ter­saal wegen Feu­er­ge­fahr geschlos­sen. Die Feu­er­po­li­zei ver­füg­te den Abriss. Nun muss­te man auf die recht unzu­läng­li­che Büh­ne des gro­ßen Saa­les im “Volks­gar­ten” aus­wei­chen.

1927 Straßenfront der Stadthalle in Bremerhaven in der Deichstraße

Zu Beginn der 1920er Jah­re befass­te sich die Stadt Bre­mer­ha­ven mit dem Gedan­ken, eine schö­ne reprä­sen­ta­ti­ve Stadt­hal­le zu bau­en. Kon­gres­se soll­ten hier tagen und Ver­an­stal­tun­gen abge­hal­ten wer­den. So beschlos­sen die Stadt­ver­ord­ne­ten 1925, den “Volks­gar­ten” ent­spre­chend umzu­bau­en. Nach den Plä­nen von Stadt­bau­rat Hage­dorn ent­stand eine schö­ne und leis­tungs­fä­hi­ge Stadt­hal­le mit einer Gar­ten­an­la­ge. Mit­tel­punkt war der vom alten “Volks­gar­ten” über­nom­me­ne gro­ße Saal mit sei­ner pracht­vol­len Akus­tik. Der Neue Saal mit 400 Sitz­plät­zen und eine Rei­he von klei­ne­ren Sälen und Neben­räu­men wur­den neu gebaut.

1927 Konzertgarten der Stadthalle in Bremerhaven

Am 30. April 1927 fand die Hun­dert­jahr­fei­er Bre­mer­ha­vens statt, und die Stadt­hal­le an der Deich­stra­ße wur­de der Bevöl­ke­rung über­ge­ben. 1.400 Besu­cher fan­den in dem gro­ßen Saal Platz. Kon­zer­te, Bäl­le, Aus­stel­lun­gen, Varie­té, Par­tei­ver­samm­lun­gen, sport­li­che Wett­kämp­fe und vie­le ande­re Ver­an­stal­tun­gen wur­den hier abge­hal­ten. Bei gutem Wet­ter ging man gern in den ter­ras­sen­för­mig für 1.500 Besu­chern ange­leg­ten Kon­zert­gar­ten am Geesteufer.

Lei­der war die Hun­dert­jahr­fei­er auch das größ­te Ereig­nis, das in der Stadt­hal­le gefei­ert wer­den konn­te. Nur 17 Jah­re spä­ter fiel auch sie den Luft­an­grif­fen auf die Stadt zum Opfer. Nach dem Krieg wur­de sie nicht wie­der auf­ge­baut, heu­te steht an die­ser Stel­le die Goe­the­schu­le.

Quel­len:
Georg Bes­sel: Geschich­te Bre­mer­ha­vens
Georg Bes­sel: Die ers­ten 100 Jah­re Bre­mer­ha­vens – von 1826 bis 1927
Har­ry Gab­cke: Bre­mer­ha­ven in zwei Jahr­hun­der­ten 1827 – 1918
Jür­gen Krü­ger: Stadt und Leu­te Ges­tern und Heu­te, 150 Jah­re Bre­mer­ha­ven

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9 Kommentare

  1. Dort haben mein Groß­va­ter, Kon­sul Chris­ti­an Fre­de­rik Jeb­sen und sei­ne Frau, Eli­sa­beth Jeb­sen, geb. Sichel­schmidt aus Dort­mund, “Kaf­fee­si­ert” Er ist aus Nor­we­gen und hat sich 1901in Bre­mer­ha­ven nie­der­ge­las­sen.

  2. Ergän­zend zur Stadt­hal­le in der Deich­stra­ße, auf dem Grund­stück Deich­stra­ße 43a/43b, links neben der Stadthalle/ Volks­gar­ten stan­den bis zum Sep­tem­ber 1944 zwei Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser mit jeweils 6 Woh­nun­gen, und im Erd­ge­schoss auf der rech­ten Sei­te war das Kon­tor der Zim­me­rei Peter­mann, der auch Eigen­tü­mer der Häu­ser war.
    Die­se Häu­ser ver­füg­ten über eine Durch­fahrt, und im Hof waren das Holz­la­ger und die Werk­stät­ten, ursprüng­lich besaß das Grund­stück auch einen Zugang von der Was­ser­sei­te und spä­ter einen Steg an der Gees­te.
    Nach dem Krieg gab es von der Stadt kei­ne Geneh­mi­gung die bei­den Häu­ser wie­der voll­stän­dig auf­zu­bau­en, so dass beim lin­ken Gebäu­de nur das Erd­ge­schoss wie­der her­ge­stellt wur­de und beim rech­ten Haus Erd­ge­schoss und 1. Stock, von der Pracht und Fas­sa­de war nicht viel geblie­ben, und so waren die Gebäu­de eher von sprö­dem Charme, aber boten Wohn­raum und Zim­me­rei- und Werk­statt­be­trieb bis ca. 1977. Betrie­ben durch die Zim­mer­mann­meis­ter Arend Peter­mann, Sohn von Wil­helm Peter­mann und Enkel des Grün­ders. Nach dem Krieg wohn­te dort die Fami­lie 1999. Vor­ab hat­te die Stadt von Ihrem aus­ge­han­del­ten Vor­kaufs­recht Gebrauch gemacht und ca. 2000 die bei­den Gebäu­de nebst Holz­la­ger und Werk­stät­ten für die Errich­tung des Geest­e­wan­der­we­ges abge­ris­sen. Die Ursprün­ge des Holz­be­trie­bes an der Gees­te und Deich­stra­ße im Schat­ten der gro­ßen Kir­che reich­ten bis zu den Anfän­gen der Stadt Bre­mer­ha­ven in den Zeit­raum ca. 1840 zurück, als Bur­chard W. Peter­mann aus Dib­ber­sen an der Weser über Vege­sack in die jun­ge Stadt Bre­mer­ha­ven über­sie­del­te, um mit Holz und Zim­me­rei sein Geschäft zu füh­ren.

    • Hal­lo Herr Peter­mann,

      vie­len Dank für Ihren so aus­führ­li­chen und infor­ma­ti­ven Bei­trag. Der Deich­SPIE­GEL lebt ja auch von den Kom­men­ta­ren sei­ner Leser.

  3. In der Deichstr.12 haben mei­ne Groß­el­tern bis zum 18.9.1944 gelebt. Groß­va­ter war See­lot­se. Im Erd­ge­schoss war die LOTSENBÖRSE, das Stamm­lo­kal der Lot­sen.
    Habe noch eine Post­kar­te die­ses Lokals.
    Ich wür­de mich sehr über Fotos aus der Deich­str. freu­en.
    Lie­be Grü­ße Ursu­la Rath

    • Hal­lo Frau Rath, auch ich bin auf der Suche nach wei­te­ren Bil­dern aus der Deich­stra­ße, ins­be­son­de­re aus der Zeit vor 1945. Von dem Haus der Fami­lie habe ich ein paar Bil­der und mitt­ler­wei­le sind noch ein paar Foto­gra­fi­en von Bre­mer­ha­ve­ner Foto­gra­fen ver­öf­fent­licht wor­den. Was mich inter­es­siert ist das alte Aus­se­hen und viel­leicht auch ein paar Namen von Anwoh­nern und Geschäf­ten in die­sem Bereich.

      • Hal­lo Herr Petermann,viel kann ich nicht berich­ten, da ich alles nur aus Erzäh­lun­gen ken­ne. Mei­ne Groß­el­tern hie­ßen Johann und Mar­ga­re­te Schmitt Die Inha­be­rin der “Lot­sen Stamm­knei­pe” war Oma Wülken.
        Mein Vater Hans Lud­wig Schmitt besuch­te die Raa­be Schu­le

  4. Dass es dort in der Deich­stra­ße ein­mal eine Stadt­hal­le gege­ben hat, war mir wohl bekannt — aller­dings längst nicht so detail­reich, wie du es hier schil­derst. Auch die Vor­ge­schich­te die­ses ehe­ma­li­gen kul­tu­rel­len Zen­trums an der Gees­te ist dir rich­tig gut gelun­gen.

  5. Tol­ler Bericht !!

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