Görlitzer Juden — ihre vergessenen und verfallenen Spuren

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Unter dem Druck wach­sen­der Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­fol­gung sind die meis­ten Gör­lit­zer Juden im Lau­fe der 1930er Jah­re aus­ge­wan­dert, unter teil­wei­se dra­ma­ti­schen Umstän­den. Die, die geblie­ben waren, wur­den im Krieg in den Ver­nich­tungs­la­gern ermor­det.
Z
um bau­li­chenTextilhaus Totschek, Steinstraße 2 - 5, um 1910 Erbe der Gör­lit­zer Juden gehört weit mehr als die Syn­ago­ge, die im letz­ten Jahr ihr hun­dert­jäh­ri­ges Jubi­lä­um fei­ern konn­te. Da ist der zum Glück erhal­te­ne Fried­hof. Da sind die Wohn­häu­ser, die Fabri­ken und Geschäf­te, die Arzt- und Recht­an­walts­pra­xen. Bei einem Rund­gang zu Stät­ten jüdi­schen Lebens in Gör­litz kann man über meh­re­re Stun­den vie­les ent­de­cken und erfah­ren, aber auch erschre­cken über den heu­ti­gen Zustand vie­ler Bau­lich­kei­ten und Anla­gen.
Gut, es gibt inzwi­schen neue Stra­ßen­na­men, die an sei­ner­zeit bekann­te Per­sön­lich­kei­ten erin­nern. Es gibt eini­ge “Stol­per­stei­ne” vor den ehe­ma­li­gen Wohn­stät­ten von Todes­op­fern. Dar­um hat­te sich die hie­si­ge christlich—jüdische Görlitzer Eckhaus Obermarkt 7 - Steinstraße | Foto: wikipedia-ManeckeGesell­schaft bemüht. Die Denk­mal­pfle­ge­be­hör­de konn­te am ehe­ma­li­gen Mode­haus Mei­row­sky Ecke Ober­markt/Steinstraße die Mono­gramm-Kar­tu­sche über der Ein­gangs­tür zur Erin­ne­rung an den Bau­her­ren (“I.M.” für Isaac Mairowsky)retten.
Vie­le Bau­wer­ke sind in einem frag­wür­di­gen Zustand. Ursa­chen, Zusam­men­hän­ge und Zukunfts­aus­sich­ten sind unter­schied­lich und kom­pli­ziert. In der Gesamt­heit ergibt sich ein Bild, das der Stadt kei­ne Ehre macht.Jugendstilwarenhaus am Demianiplatz | Foto: Manecke Das gilt ja schon für das bekann­tes­te und am meis­ten beklag­te Bei­spiel, das Waren­haus am Demia­ni­platz, des­sen Bau­herr der Kauf­mann Lou­is Fried­län­der war. Es ist ein prä­gen­des Gebäu­de im Stadt­zen­trum, bei der Bevöl­ke­rung und Archi­tek­tur­his­to­ri­kern in hohem Anse­hen. Sei­ne Zukunft ist unge­wiss.
Die Gäste des Victoria-Hotels konnten von ihren Zimmerfenstern aus das pulsierende Leben im Zentrum der aufblühenden Stadt Görlitz vom Morgen bis zum Abend verfolgen | Foto: Robert Scholz um 1900Bes­ser geht es da dem Bau an der Post­platz-Nord­sei­te, des­sen Mit­tel­teil bis nach 1918 das Vik­to­ria-Hotel von Nathan Gold­stein beher­berg­te. Das frü­he­re Schuh­haus Rauch in der Ber­li­ner Stra­ße 61 wird heu­te durch Fiel­mann-Optik genutzt. Eben­falls sorg­fäl­tig saniert wur­de das zwei­te Mode­haus Mei­row­sky in der Hos­pi­tal­stra­ße 36. Das führende Schuhhaus Rauch überraschte die Kunden mit zahlreichen Dienstleistungen. Es gab eigene Abteilungen für Kinderschuhe und Strümpfe, eine Reparaturwerkstatt und einen Röntgenapparat zur Fußuntersuchung. | Fotografie Lünig um 1932
Schlech­ter sieht es in der Stein­stra­ße aus, frü­her Stand­ort meh­re­rer jüdi­scher Geschäf­te. Das ehe­ma­li­ge Beklei­dungs­haus Tot­schek in der Stein­stra­ße 2 — 5 ist ein beson­ders reprä­sen­ta­ti­ves Han­dels­haus des spä­ten 19. Jahr­hun­derts, an dem man etli­che Spu­ren frü­he­ren Glan­zes fin­det. Denk­mal­pfle­ge­risch saniert und nicht­mo­der­nis­tisch ver­schan­delt, könn­te es ein Schmuck­stück einer Ein­kaufs­mei­le wer­den.
Villa Kaufmann in der Bergstraße 1 (links) und Textilfabrik an der Uferstraße um 1920Betrüb­lich ist auch der Zustand der frü­he­ren Fabri­kan­ten­vil­la Berg­stra­ße 1; sie gehör­te Rosa Kauf­mann, Mit­in­ha­be­rin der Webe­rei und Fär­be­rei Mül­ler und Kauf­mann an der Ufer­stra­ße. Das außen und innen gedie­ge­ne Gebäu­de im Stil des frü­hen 20. Jahr­hun­derts ist lei­der nach 1990 zuneh­mend ver­wahr­lost, nach­dem sich der Plan zer­schla­gen hat­te, ein Senio­ren­heim für geho­be­ne Ansprü­che dar­aus zu machen.
Villa Ephraim, Goethestraße 17, 1907Die berühm­te Vil­la Ephraim in der Goe­the­stra­ße 17, ein Werk des Ruh­mes­hal­len-Archi­tek­ten Hugo Behr, war bis Anfang der 1920 Jah­re Wohn­sitz des Eisen­wa­ren­händ­lers, Stadt­ver­ord­ne­ten und Muse­umför­de­rers Mar­tin Ephraim und bis vor kur­zem [Ende 2010] eine Jugend­her­ber­ge. Ihr kost­ba­rer archi­tek­to­ni­scher Grund­be­stand konn­te durch die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft weit­ge­hend erhal­ten wer­den, braucht aber drin­gend eine stil­ge­rech­te Sanie­rung und ange­mes­se­ne Nut­zung, es ist ein Juwel der dama­li­gen ört­li­chen Bau­kul­tur und zugleich Erin­ne­rungs­ort für eine her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­keit (Ephraim starb 1944 als 84jähriger im KZ The­re­si­en­stadt) [Nach­dem 2010 die Jugend­her­ber­ge hier aus­zog, hat die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft die Vil­la sanie­ren las­sen. Heu­te ist hier das Gäs­te­haus Alte Her­ber­ge unter­ge­bracht].
Wohnhaus Ephraim, Jakobstraße 5, um 1900Verwaltungsgebäude Ephraim, Zittauer Straße 56, 1927Auch das frü­he­re Wohn­haus Epha­rim (Jakobstra­ße 5, spä­ter Franz Gru­nert) hat inzwi­schen gelit­ten. Das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Fir­ma Ephraim Eisen­han­del in der Zit­ter­stra­ße 56 (vor dem Schüt­zen­haus) errich­te­te 1927 der in Gör­litz durch zahl­rei­che Groß­bau­ten ver­tre­te­ne Archi­tekt Alfred Hent­schel; es steht leer und ver­fällt.
Steinbank vor Fabrik Raupach, um 1910Die Sitz­bank mit Brun­nen, Aus­stel­lungs­stück der Gewer­be- und- Industrieausstellung1905 in Gör­litz für die Gra­nit­fir­ma Theo­dor Alex­an­der Katz, erwarb der Fabri­kant Richard Rau­pach und stell­te sie an der Zit­tau­er Stra­ße vor sei­nem Werk­ge­län­de auf;dort ver­fällt sie heu­te nach und nach, wür­de aber gut in das Umfeld der Stadt­hal­le pas­sen.
Modehaus Frankenstein/Markus in der Berliner Strasse 10, um 1925Ein Opfer der ober­fläch­li­chen Schnell­sa­nie­run­gen Anfang der 1990er Jah­re wur­de das frü­he­re Tex­til­haus Frankenstein/Markus in der Ber­li­ner Stra­ße 10. Die ehe­ma­li­ge Fas­sa­de ist nur noch in der Grund­auf­tei­lung erkenn­bar, das Inne­re eine gesichts­lo­se Hal­le mit lan­gen Rega­len zum raschen Aus­tausch der Gewer­be­mie­ter, archi­tek­to­nisch tot.
Die Vil­la Alex­an­der Katz neben dem Stän­de­haus (frü­her Pro­me­na­de 14) wur­de noch 1945 durch Bom­ben zer­stört und ist heu­te Müll­hal­de und Urwald, eine Schan­de in Grenz­nä­he. Die Tex­til­fa­brik Mül­ler und Kauf­mann an der Ufer­stra­ße ist Rui­ne und Die Kofferfabrik von Julius Arnade in Moys (Ujazd) ist stillgelegtteils abge­tra­gen, die Kof­fer­fa­brik in Moys (Ujazd) ist still­ge­legt.
Die Auf­stel­lung lie­ße sich fort­set­zen. Es ist nicht zu über­se­hen: Die­se Erbe ist weit­ge­hend vergessen.Im öffent­li­chen Bewusst­sein und in der denk­mal­pfle­ge­ri­schen Dring­lich­keits­lis­te kommt es kaum vor. Irgend­wann wer­den ver­mut­lich nur noch Der Eingang zum Lager Biesnitzer GrundSyn­ago­ge und KZ Bies­nit­zer Grund (die­ses auch über­baut) mit der Geschich­te der Gör­lit­zer Juden in Zusam­men­hang gebracht wer­den, nicht mehr ihre Wohn- und Wir­kungs­stät­ten vor 1933, also aus den Jahr­zehn­ten ihrer Viel­fäl­ti­gen Tätig­keit für das Wohl der Stadt.
Paul MühsamNicht ein­mal beschei­de­ne Täfel­chen erin­nern an den Dich­ter Paul Müh­sam (Bis­marck­stra­ße 4) oder an den Kom­mer­zi­en­rat und Stif­ter Les­ser Ephraim (Jakobstra­ße 5). Es wäre an der Zeit, Grund­stücks­käu­fer und Inves­to­ren auf die­ses ver­pflich­ten­de Erbe auf­merk­sam zu machen und für des­sen Erhal­tung zu wer­ben. Anfän­ge sind gemacht. Auf die Dau­er kann sich die Stadt nicht vor der mora­li­schen Last der Geschich­te davon­steh­len. Dies nur als Fuß­no­te zum gelun­ge­nen Syn­ago­gen­ju­bi­lä­um.
Von Dr. Ernst Kret­sch­mar, Gör­litz
Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Stadt­BILD-Ver­la­ges Gör­litz
Die in ecki­gen Klam­mern kur­siv ein­ge­füg­ten Hin­wei­se stam­men nicht vom Autor.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen:
Zei­ten­sprün­ge-Pro­jekt
Syn­ago­ge. Juden in Gör­litz
Die Syn­ago­ge in Gör­litz

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