Geschichte der Görlitzer Peterskirche

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Die Görlitzer Peterskirche | Bildnachweis: StadtBILD - Jahresbuch 2003 - Das Beste aus den Ausgaben 1 -12Mäch­tig und stolz ragt unse­re alt­ehr­wür­di­ge Peters­kir­che zum Him­mel auf dem alten Burg­berge der Stadt Gör­litz, und sie­ben Jahr­hun­der­te hat sie mit den Bür­gern der Stadt als Trös­te­rin, Erbaue­rin und Ermah­ne­rin Freud und Leid geteilt. Hei­li­ge Scheu umfängt uns, wenn wir den alten, wun­der­vol­len Bau mit sei­nen unzäh­li­gen Merk­wür­dig­kei­ten und Rät­seln betre­ten, die Form und Inhalt im gan­zen und ein­zel­nen dem sin­nen­den Beschau­er auf­ge­ben.

Frei­lich wis­sen wir, das unser Got­tes­haus nicht mehr das ist, was es einst war, son­dern das ein furcht­ba­rer Brand fast alles zer­stör­te und nur kaum etwas den Flam­men ent­ging. Aber wer das herr­li­che West­por­tal, die Kryp­ta und die Men­schen­fi­gu­ren an ihren Wän­den, Kon­so­len und Pfei­lern, die Was­ser­spei­er mit den Teu­fels­mas­ken, die Affen, Schwei­ne, Hun­de und aller­hand ande­res Getier nach­denk­lich betrach­tet, der wird sich bald so sehr in den Geist der Gotik, ja noch frü­he­rer Zei­ten, ver­set­zen, dass er gern den Nach­rich­ten lauscht, die über Grün­dung und Ent­wick­lung vor­han­den sind.

Sagen ver­schie­dens­ter Art haben ihren Ursprung umspon­nen, von einer hier ver­ehr­ten Gott­heit Isis, von einem Hei­den­tem­pel, von ihrer Ent­ste­hung durch die Glau­bens­bo­ten Metho­di­us und Cyr­il­lus, aus einer dem Hei­li­gen Georg geweih­ten Kapel­le und noch mehr. Es war ums Jahr 1225, als die ältes­te Kir­che gegrün­det und auf­ge­baut wur­de, ob in Anleh­nung an eine noch älte­re Kapel­le (nicht Kryp­ta) zum Hei­li­gen Georg, die an ihrer Ost­sei­te gestan­den haben müss­te, bleibt hier uner­ör­tert. Wir müs­sen uns dar­auf beschrän­ken, dass schon die­se Kir­che ein statt­li­cher Bau war, eine Pfei­ler­ba­si­li­ka mit drei Schif­fen, die schon damals eine bevor­zug­te Stel­lung unter den Kir­chen des Ostens ein­zu­neh­men ver­moch­te.

An einem Kreuz­bau mit Quer­schiff ist nicht zu den­ken. Aber sie war für die rasch auf­blü­hen­de Stadt bald zu klein und wur­de trotz schwe­rer Wir­ren und Krie­ge doch in lan­ger Zeit (1423–1497) so stark erwei­tert, dass nur wenig von dem ältes­ten Bau übrig blieb: die West­front mit ihrem Por­tal bis in die unters­ten Turm­ge­schos­se hin­ein, ein Teil der Süd­wand und ein Teil des Ost­ab­schlus­ses, der die West­wand der Kryp­ta bil­det. Von den wesent­li­chen For­men die­ses goti­schen Bau­es kann man sich leich­ter eine Vor­stel­lung machen, da aus der Zeit vor dem Bran­de Abbil­dun­gen erhal­ten sind, und zwar auf dem Holz­schnit­te von Metzger-Scharffenberg(1565) und dem von Braun von Hogen­berg ( 1575).

Fast 200 Jah­re war die­se herr­li­che Kir­che mit ihren acht Tür­men die Freu­de und der Stolz der Gör­lit­zer, bis sie am 16.März 1691 ein furcht­ba­rer Brand zugleich mit 191 Häu­sern der­art zer­stör­te, das fast nichts als gesprun­ge­ne Mau­ern, Pfei­ler und Gewöl­be ste­hen blie­ben. Nur die West­front mit den Res­ten der Haupt­tür­me rag­te aus den Rui­nen zum Him­mel her­vor. Aber schon am 7. Mai 1696 konn­te der Neu­bau dem Got­tes­diens­te wie­der­ge­ge­ben wer­den, wie er mit Aus­nah­me der Tür­me, die 1891 in ihrem obe­ren Tei­le ange­tra­gen und mit neu­en goti­schen Hel­men ver­se­hen wur­den, bis heu­te geblie­ben ist.

Geblie­ben ist im wesent­li­chen der Grund­riss der frü­he­ren Kir­che, die ja bereits gegen­über dem ers­ten Bau über die Ost­front hin­aus ent­wi­ckelt wor­den war. Fünf mäch­ti­ge Schif­fe wöl­ben sich wie zuvor über dem gewal­ti­gen Rau­me, der sich uns erschließt, wenn wir durch das Por­tal der sie­ben­hun­dert jäh­ri­gen West­wand das Inne­re betre­ten.Peterskirche in Görlitz

Pie­tät­voll ist auch, dass am Äuße­ren des Neu­bau­es alles erhal­ten wur­de, was irgend­wie geret­tet und bewahrt wer­den konn­te. Fas­sen wir die Süd­sei­te ins Auge, so wer­den wir beson­de­re Ver­schie­den­hei­ten in Stel­lung und Grö­ße der Fens­ter fin­den. Aber auch den an der Süd­wand vor­ge­la­ger­ten Turm fin­den wir ver­än­dert vor.

Wir fin­den heu­te in die­sem Vor­bau so man­ches, was aus der älte­ren Kir­che, zum Teil wie durch ein Wun­der, geret­tet wur­de. Bei­spiels­wei­se die bei­den alten Holz­sta­tu­en des Petrus und Pau­lus, sowie die alte, einst gern bewun­der­te Por­phyr­säu­le. Auch die Stre­be­pfei­ler sind nicht die­sel­ben geblie­ben, wäh­rend die eben­falls durch eine Säu­le geteil­te und getra­ge­ne offe­ne Ein­gangs­hal­le am öst­li­chen Teil der Süd­front seit ihrer Erbau­ung im 16.Jh. ziem­lich unver­sehrt geblie­ben ist. Auch auf der Nord­sei­te befand sich eine schö­ne Ein­gangs­hal­le, über der sich ein ganz ähn­li­cher Turm mit goti­scher hoher Spit­ze erhob.

Stein­bän­ke zie­hen sich ent­lang der Wän­de bei­der Ein­gangs­hal­len. Wur­de die süd­li­che betürm­te Hal­le völ­lig gotisch gehal­ten, so erschei­nen in der offe­nen Nord­hal­le die Sei­ten­wän­de mit aller­lei Muschel- und Blu­men­schmuck, die Decken aber mit wun­der­ba­ren gewun­de­nen Rei­hun­gen. Von plas­ti­schem Schmuck, der sich aus alter Zeit geret­tet hat, ist zwar das Kru­zi­fix, das die Nische an der rech­ten Sei­te der West­front zier­te, ver­schwun­den, dage­gen sehen wir noch eine Tau­be auf ihrer Bekrö­nung und unter der Nische feis­te Gesich­ter, die man als Son­ne und Mond deu­te­te.

Auf dem Türm­chen selbst die Sta­tue des St. Petrus. An der­sel­ben Ecke nach Süden erbli­cken wir einen gekrümm­ten Hund und einen Affen, der sin­nend einen Men­schen­kopf zu betrach­ten scheint. Der “Bau­meis­ter” an der Nord­west­sei­te und der Kopf des Bischofs Kas­par von Schön­berg erre­gen beson­de­re Auf­merk­sam­keit, die auch die bei­den Was­ser­spei­ser an der Süd- und Ost­front ver­die­nen. Peterskirche in Görlitz  
Wie herr­lich muss der alte Bau des 15. Jahr­hun­derts, an dem 74 Jah­re lang gear­bei­tet wor­den war, gewe­sen sein. Äußer­lich wie auch inner­lich unter­schei­det er sich nicht nur durch das Mate­ri­al von den Back­stein­kir­chen Schle­si­ens. Sei­ne Son­der­stel­lung beruht auf der Brei­ten­ent­fal­tung der fünf Schif­fe, auf der Durch­sich­tig­keit des Raum­bil­des, die durch den wei­ten Pfei­ler­ab­stand erzielt wur­de und auf der dif­fe­ren­zier­ten Pro­fi­lie­rung der schlan­ken Stüt­zen, denen die Gewöl­be­rip­pen ent­wach­sen.

Das Netz­ge­wöl­be, das ohne Gurt­mar­kie­rung die Decke über­spinnt, dient der Ver­schmel­zung der Raum­tei­le. “All dies ist schle­si­schen Kir­chen fremd und lässt die­sen Bau als einen äußers­ten Vor­pos­ten welt­li­cher Hal­len­räu­me erschei­nen.” So spricht ein her­vor­ra­gen­der Fach­ge­lehr­ter in der “Kunst in Schle­si­en”, und der Ver­fas­ser des schle­si­schen Denk­mä­ler­werks, Geheim­rat Lutsch, zählt den Bau der Grö­ße wie der Raum­wir­kung nach zu den bedeu­tends­ten Kir­chen des öst­li­chen Deutsch­lands.

Das Ange­sicht die­ser Kir­che, mit dem es die Kennt­nis ihrer Gesamt­heit eröff­net, war zu allen Zei­ten ihr Por­tal, das durch alle Fähr­lich­kei­ten von Umbau­ten und Brand hin­durch von dem hohen Kunst­ge­schmack der Erbau­er und ihrem star­ken Wil­len, ihrer Stadt in der neu­en Kir­che etwas her­vor­ra­gen­des zu schaf­fen, kün­det. Aus der vom ursprüng­li­chen drei­schif­fi­gen Bau der ältes­ten Kir­che erhal­ten geblie­be­nen West­sei­te mit ihrer durch Lise­nen abge­teil­ten und durch je einen Boden­fries des Über­gangs­sti­les der roma­ni­schen Zeit in Geschos­se zer­leg­ten Außen­wand tritt in mäch­ti­ger Wei­se das von einem hohen, von zwei Säu­len gestütz­ten Spitz­gie­bel über­stie­ge­ne Pracht­por­tal weit her­aus, zu des­sen erha­be­nem Auf­bau eine viel­stu­fi­ge Frei­trep­pe empor­füh­ret.

Die sich nach außen ver­brei­tern­de Tür­öff­nung ist vier­mal abge­treppt mit je einer Säu­le in den Pfei­ler­win­keln, die alle köst­li­che Kapi­tä­le tra­gen. In erstau­nens­wer­ter Wei­se sind aus ihrerPortal der Peterskirche in Görlitz Wür­fel­form bis über die Hälf­te Ran­ken- und Blatt­ge­win­de her­aus­ge­ar­bei­tet, die je zwei meist ein­an­der zuge­wen­de­te Tie­re umschlie­ßen: Affen und Del­phi­ne, Tau­ben, Füch­se und ande­res Getier, die als Aus­druck eines Volks­glau­bens, der in wun­der­ba­ren Tier­ge­stal­ten die Trä­ger mensch­li­cher See­len sah, gal­ten.

In einer Rei­he von je zwei ara­bes­ken­ar­tig gekrümm­ten und mit der Bauch­sei­te gegen­ein­an­der gerich­te­ten phan­tas­ti­schen Tie­ren sind Wuls­te gebil­det, deren inners­ter am Kapi­täl aus Sphin­xen her­aus­wächst. Rechts sehen wir einen bär­ti­gen Mann mit erho­be­nen Armen, links einen Engel mit gefal­te­ten Hän­den und dane­ben eine nack­te Kna­ben­ge­stalt mit her­ab­hän­gen­den Bei­nen. Auch die zwi­schen den Wuls­ten ver­lau­fen­den Stä­be bie­ten dem Auge in nie sich wie­der­ho­len­der meis­ter­haf­ten Aus­füh­rung pracht­vol­ler Ent­wür­fe immer etwas Neu­es und Anzie­hen­des. Auch die Basis der Säu­len zeigt noch die ursprüng­li­che Form des Über­gangs­stils.

Und auf was hat die­ses Por­tal geschaut!

Die ers­te Wei­he ums Jahr 1225, die zwei­te von 1457, die in den Chro­ni­ken sei­ten­lang beschrie­ben wird, mit all ihren Pomp der katho­li­schen Zeit, imagewo der Bischof von Mei­ßen — Kas­par von Schön­berg —  nach lan­ger Pro­zes­si­on um die Kir­che mit sei­nem Krumm­sta­be an die Pfor­te klopf­te, auf deren Flü­geln Petrus und Pau­lus gemalt waren, bis zu den vie­lem Braut­paa­ren, die die geweih­te Pfor­te betra­ten.

Ein Blick in den erha­ben-gewal­ti­gen Raum genügt, um sich sol­chen Urtei­len bedin­gungs­los anzu­schlie­ßen. Frei­lich, die 36 Altä­re der goti­schen Zeit, deren einen nur noch unser Muse­um birgt, sind ver­schwun­den, eben­so wie die 38 zum Teil hoch­be­deut­sa­men und wun­der­ba­ren Epi­ta­phi­en, die die Wän­de schmück­ten. Gesprun­gen und ver­nich­tet sind die berühm­ten alten Glas­fens­ter der goti­schen Zeit, ver­schwun­den infol­ge des Bran­des von der Mit­ter­nachts­wand imageam frü­he­ren Hoch­al­ta­re “das aus kla­ren Stei­nen künst­lich durch­ge­ar­bei­te­te Sakra­ments­häus­chen”, 24 Ellen hoch, zur Auf­be­wah­rung der geweih­ten Hos­tie, woge­gen ganz in sei­ner Nähe an der Nord­wand der Kir­che bis heu­te eine lebens­gro­ße Rund­fi­gur Mari­as mit dem Chris­tus­kin­de beschä­digt geblie­ben ist.

Doch trotz aller schwe­ren Ver­lus­te hat hin­ge­ben­der Opfer­wil­le auch das Inne­re gar bald wie­der zu dem über­wäl­ti­gen­den Ein­dru­cke erho­ben, der heu­te hier jeden in sei­nen Bann zieht. Die geret­te­ten Kost­bar­kei­ten sind wohl­ge­bor­gen und treff­lich wie­der auf­ge­stellt — außer der Maria, den bei­den bereits erwähn­ten Holz­fi­gu­ren des St. Petrus und Pau­lus und der präch­ti­gen Tauf­glo­cke mit ihrem köst­li­chen Git­ter, die der Brand ver­schon­te. Neben dem einem geret­te­ten Epi­ta­phi­um des Bür­ger­meis­ters Geh­ler von 1675, das gebes­sert wur­de, tra­ten unter ande­rem die des Bür­ger­meis­ters Som­mer, wie auch Kunst­wer­ke aus ver­gol­de­ten Mes­sing im Gewich­te von nahe­zu 18 Zent­nern mit den Bild­nis­sen der Ver­stor­be­nen, von 1696 und 1703 auf. Wohl­ha­ben­de Bür­ger wett­ei­fer­ten in der Stif­tung von Aus­stat­tungs­ge­gen­stän­den für den Got­tes­dienst.

Die Kan­zel wur­de 1693 von dem Kauf­mann August Kober, der Altar von der ver­wit­we­ten Frau Som­mer 1695 gestif­tet. Er ist 30 Ellen hoch, aus Sand­stein, Stuck und Mar­mor, das Altar­blatt, das Chris­ti Him­mel­fahrt dar­stellt, wur­de von Ernst John, einem Maler aus Bres­lau, geschaf­fen.
Drei Kron­leuch­ter, deren einer (beim Altar) in Nürn­berg gefer­tigt wur­de, ergänz­ten die­se Geschen­ke und 1712 wur­de die neue Beda­chung aus 447 Zent­nern Kup­fer voll­endet. Sie kos­te­te 17.870 Taler.

Die 13 Schluss­stei­ne des Mit­tel­schiffs haben noch ihren plas­ti­schen Schmuck mit Bema­lung und der Dar­stel­lung von Sze­nen aus dem Leben Jesu, des Todes der Maria und der Drei­ei­nig­keit. Die West­sei­te ziert die wap­pen­ge­schmück­te Magis­trats­lo­ge und die gewal­ti­ge Orgel Cas­pa­ri­nis von 1703. Eine der am hells­ten strah­len­den Sei­ten der Gör­lit­zer Kir­chen­ge­schich­te ist die Beschaf­fung der neu­en Orgel, die durch Gaben der Gemein­de ermög­licht wur­de.

Cas­pa­ri­ni, am Anfang sei­ner Arbeit 74-jäh­rig, voll­ende­te nach 6 jäh­ri­ger Bau­zeit sein Meis­ter­werk. Am 19. August 1703 wur­de die Orgel fei­er­lich geweiht. Orgel in der PeterskircheEuge­ni­us Cas­pa­ri­ni war als Sohn eines tüch­ti­gen Orgel­bau­ers in Sorau/NL gebo­ren und ging mit 17 Jah­ren auf Rei­sen nach Bay­ern und Ita­li­en, wo er allein 50 Jah­re in Padua leb­te und streb­te. Nach einer Tätig­keit an der Hof­ka­pel­le in Wien, die ihm 1000 Duka­ten und eine gol­de­ne Ket­te mit dem Bil­de des Kai­sers ein­brach­te, bau­te er eine Orgel , fast so groß wie die unse­re, im Tri­ent, wo er von E. E. Rat zu Gör­litz den Ruf zum Baue der gro­ßen Orgel erhielt und im Ver­trau­en auf die Hil­fe sei­nes tüch­ti­gen Soh­nes Adam Hora­ti­us annahm. Die Orgel soll 25.000 Taler gekos­tet haben, von denen der Erbau­er 7.100 Taler und freie Sta­ti­on erhielt. Cas­pa­ri­ni starb 1706 in Nie­der-Wie­sa bei Greif­fen­berg.

Schon das auf­se­hen­er­re­gen­de Äuße­re der Orgel erweck­te den Wunsch nach Bil­dern von ihr, und bald nach ihrer Ein­wei­hung wur­de sie nach einer Zeich­nung von Johann Chris­toph Brendt, der Bür­ger und Gold­schmied in Gör­litz war, in Kup­fer gesto­chen und mit einer Beschrei­bung ihres Orga­nis­ten Ch. Lud­wig Box­berg gedruckt. Ande­re Abbil­dun­gen folg­ten, bis der hei­mat­li­che Maler Chris­toph Nathe aus Nie­der­bielau um 1800 die treff­li­che Zeich­nung schuf, die unse­rer Abbil­dung zugrun­de liegt.

Schwer las­te­te nach der Schlacht bei Mühl­berg im Jah­re 1547 der soge­nann­te Pön­fall auf den Sechs­städ­ten, beson­ders auf unse­rem Gör­litz: alle Güter und die Hei­de wur­den ihm genom­men, und neben ande­ren schwe­ren Bußen ihren Kir­chen auch die Abend­mahls­ge­rä­te. Ein ein­zi­ger Kelch samt Pate­ne aus dem 15. Jahr­hun­dert war den Gör­lit­zer Pro­tes­tan­ten belas­sen wor­den: frei­lich nicht der schlech­tes­te, son­dern ein Prunk­stück, wie es weni­ge gibt. Aus schwer ver­gol­de­tem Sil­ber gear­bei­tet, baut er sich in einer Höhe von 29 Zen­ti­me­tern mit sei­nem Fuße auf einem Sechs­ecke auf. Die Begren­zung des eigent­li­chen Fußes wird von einem durch­bro­che­nen Ban­de gebil­det. Von den bis zum Knauf von Perl­stä­ben abge­schlos­se­nen sechs gro­ßen und  klei­nen Fel­dern ent­hal­ten ers­te­re fol­gen­de Dar­stel­lun­gen: Chris­tus am Schä­cher­kreuz mit Maria und Johan­nes; Petrus und Pau­lus; der Hei­li­ge Georg zu Ross, die Hei­li­ge Bar­ba­ra mit Turm und ein Bischof. In den sechs klei­nen Fel­dern befin­den sich Engel mit Spruch­bän­dern auf Blatt­werk­hin­ter­grund. Der Knauf ist prunk­voll zu sechs Nischen aus­ge­stal­tet, von goti­schen Säu­len und Türm­chen flan­kiert und von Spitz­bö­gen mit Kreuz­blu­men über­höht. Kelch in der Peterskirche GörlitzIn die­sen Nischen wer­den dar­ge­stellt: Chris­tus mit Dor­nen­kro­ne, Len­den­tuch und Kelch; Mar­tha mit Koch­löf­fel und Schüs­sel; Hei­li­ge mit Kir­che und Rosen­kranz; Mar­ga­re­ta als Patro­nin der Gebä­ren­den mit Kreuz und gefes­sel­ten Dra­chen; Doro­thea mit Pal­me und Korb und Katha­ri­na mit Schwert und Rad. Der Boden der Kup­pa, des eigent­li­chen Kel­ches, ist mit Blat­tor­na­men­ten, Flam­men und Strah­len ver­ziert, wäh­rend ihr Ober­teil aus einem Kranz von frei gear­bei­te­ten Pal­met­ten auf­steigt, die unten auf einem Laub­kran­ze ruhen, der von Perl­stä­ben begrenzt ist. Die Kup­pa ist 10 cm hoch bei einem Durch­mes­ser von 14cm.

Der präch­ti­ge, in spät­go­ti­schem Sti­le aus­ge­führ­te “Speis­ekelch” stammt aus der katho­li­schen Zeit, dem 13. Jahr­hun­dert, und gehört auf­grund sei­nes Gewich­tes und sei­ner Grö­ße zur Form der Reli­qui­en­kel­che, gleich­viel, ob im 15.Jahrhundert eine Reli­quie in sei­nem Knau­fe ver­wahrt ward oder nicht. Er befin­det sich in den Samm­lun­gen der Gedenk­hal­le als wert­vol­le Leih­ga­be der Gör­lit­zer Peters­kir­che.

Wie mag der von Fer­di­nand I. und dem Her­zo­ge Alba über Gör­litz ver­häng­te Kir­chen­raub die Bür­ger der Stadt ange­mu­tet haben, nach­dem erst neun Jah­re zuvor der­sel­be Fer­di­nand in Gör­litz geweilt, die Peters­kir­che besucht, und von ihrem Anbli­cke so ergrif­fen war, dass er gleich ein Bild von ihr zu haben wünsch­te!

Wohl jede Kryp­ta umfängt den Besu­cher mit einer Art von gru­se­li­ger Scheu, mit einer aus Gra­bes­kult und Wun­der­glau­ben gemisch­ten Luft. Waren doch die alten ech­ten Kryp­ten Die heutige Krypta in der Görlitzer Peterskircheunter­ir­di­sche Ruhe­stät­ten von Mär­ty­rern und Hei­li­gen, die auf die ältes­ten Zei­ten der Kir­chen­bau­ten zurück­ge­hen. Der Gra­bes­kult blieb unse­rer Kryp­ta sicher fern, nicht aber das geheim­nis­voll Wun­der­ba­re. Sicher ist, dass der heu­ti­ge Bau durch das Bedürf­nis ent­stan­den ist, die ursprüng­li­che Peters­kir­che mit ihrem Chor vor­zu­schie­ben und die­sen, am abschüs­si­gen Ber­geshan­ge durch einen Unter­bau zu stüt­zen. Die fei­er­li­che Grund­stein­le­gung die­ses Neu­bau­es fand am 8. Mai 1423 statt und die Wei­he uns­rer jet­zi­gen Kryp­ta erfolg­te 1432. Die Haupt­säu­len sind die­sel­ben, die den Chor der Ober­kir­che tra­gen, aber das Mit­tel­schiff ist durch eine neue mitt­le­re Pfei­l­er­rei­he noch­mals gestützt, so dass der Unter­bau aus vier Schif­fen besteht. Die Kryp­ta ent­hält innen wie außen noch oft beach­te­te Merk­wür­dig­kei­ten: Im Inne­ren eine Säu­le mit einem Fries, die einem Man­ne mit Zip­fel­müt­ze zeigt, der mit Hun­den, Löwen und ande­ren Tie­ren eine Ket­te bil­det und an einem Stre­be­pfei­ler eine Grup­pe von Affe und Schwein, die auf Dar­stel­lung ver­werf­li­cher Trunk­sucht deu­tet. Über ihrem Süd­ein­gan­ge befin­den sich sechs ein­ge­mau­er­te Töp­fe, die sicher nicht auf einen “frü­he­ren Topf­markt” deu­ten, son­dern viel tie­fe­ren Sinn haben.

Stammt unse­re heu­ti­ge Kryp­ta von 1423- 1432, so ist es sicher, dass die Ver­bin­dung mit St. Georg, dem sie geweiht ist, auf weit älte­re Ver­hält­nis­se zurück­geht. Von einer alten Kryp­ta, wie von einer  Burg­ka­pel­le kann kaum die Rede sein, aber eini­ge Urkun­den und Berich­te las­sen es wahr­schein­lich erschei­nen, dass bereits vor dem ältes­ten Bau der Peters­kir­che hier eine Kapel­le, St. Geor­gii, stand, die schon 1379 erwähnt wur­de. Als die Deut­schen unter Gobies­laus 1131 aufs neue den Burg­berg befes­tig­ten, brauch­ten sie eine nahe  Erbau­ungs­stät­te vor Not und Kampf. Die Peters­kir­che aber wur­de erst 100 Jah­re spä­ter gegrün­det. So ent­stand wohl eine Rund­ka­pel­le deren Run­dung noch heu­te an der Nord­wand der Kryp­ta zu sehen ist, vor der die Wei­ter­füh­rung des nörd­lichs­ten Schif­fes halt gemacht hat, wie die alte Kir­che selbst, in ihrem Ost­ab­schlus­se, der sonst in sei­ner gerad­li­ni­gen Gestalt, den die Kryp­ta birgt, kaum erklär­bar wäre. Die neue Kryp­ta ver­schlang die alte Kapel­le, aber ihr Name blieb!
Quel­le für Text und Bil­der:
“Stadt­BILD Jah­res­buch 2003” mit freund­li­cher Geneh­mi­gung vom Stadt­BILD-Ver­lag, Gör­litz.

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2 Kommentare

  1. Sehr geehr­te Damen und Her­ren,
    ich habe die Peters­kir­che in mei­ner Kind­heit immer nur von außen sehen kön­ne. Was mir bis heu­te in Erin­ne­rung geblie­ben ist und ich die Geschich­te dazu nicht her­raus gefun­den habe, ist die Figur eines Man­nes der sich mit einer Axt an der Dach­rin­ne fest hält. Was hat es mit die­ser Figur auf sich?
    Ich wür­de mich sehr freu­en, wenn sie mir die­se erzäh­len könn­ten.
    Mit freund­li­chem Gruß B.Müller

    • Sehr geehr­ter Herr Mül­ler,
      vie­len Dank für Ihr Inter­es­se an mei­nem Online-Maga­zin “Deich­SPIE­GEL”. Ger­ne wür­de ich Ihnen wei­ter­hel­fen, aber die von Ihnen beschrie­be­ne Geschich­te ist mir lei­der nicht bekannt. Ich habe für Sie etwas im Inter­net recher­chiert und eine Sei­te gefun­den, auf der Sie wei­te­re sehr inter­es­san­te Infor­ma­tio­nen über die schö­ne Gör­lit­zer Stadt­kir­che nach­le­sen kön­nen: http://www.unser-goerlitz.de/de/denkmal/st_peter_und_paul_peterskirche
      Freund­li­che Grü­ße von der Weser­mün­dung
      Her­mann Schwie­bert

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