Kategorie: Firmengeschichten

Bekleidungshaus Ketelsen

Wenn man heu­te vor dem Wasch­sa­lon in der Leher Hafen­stra­ße 76 steht, erin­nert nichts dar­an, dass die­ses Gebäu­de einst das bekann­te “Beklei­dungs­haus Ket­el­sen” beher­berg­te. Auch in dem Gebäu­de Hafen­stra­ße 78 und 80 wer­den schon vie­le Jah­re kei­ne Anzü­ge mehr verkauft.

Bremerhaven, Hafenstraße

Man schreibt das Jahr 1911. Im Janu­ar fei­ert das Deut­sche Reich den 40. Jah­res­tag sei­nes Bestehens. Die Indus­tria­li­sie­rungs­pha­se ist prak­tisch abge­schlos­sen, im deut­schen Kai­ser­reich herrscht Hoch­kon­junk­tur. Die wöchent­li­che Arbeits­zeit beträgt in der Regel 60 Stunden.

Das Jahr 1911 ist kein fried­li­ches Jahr, die Groß­mäch­te rüs­ten auf.  Zwi­schen Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en fin­det seit dem Jah­re 1906 ein Flot­ten-Wett­rüs­ten statt, den die Bri­ten am Ende für sich ent­schei­den werden.

Doch noch spürt man in der Bevöl­ke­rung nicht, dass der Ers­te Welt­krieg längst vor der Tür steht. Im Janu­ar 1911 fin­det in Bre­mer­ha­ven ein Nord­west­deut­sches Musik­fest statt, im Febru­ar wird die Bau­ge­nos­sen­schaft “Ein­tracht” gegrün­det und in Geest­e­mün­de eröff­net im August die Weser­ge­sell­schaft den Fähr­ver­kehr mit Blexen.

Ketelsen

Vor die­sem Hin­ter­grund grün­det  im Febru­ar des Jah­res 1911 der aus Flens­burg stam­men­de Armin Ket­el­sen in der Leher Hafen­stra­ße 76 Ecke Auf den Sül­ten ein Laden­ge­schäft für Her­ren­kon­fek­ti­on. Armin Ket­el­sen hat­te sich gera­de von sei­nem Geschäfts­part­ner Win­ter, mit dem er im Jah­re 1906 auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te das gro­ße Spe­zi­al­haus “Ket­el­sen & Win­ter” in der Hafen­stra­ße Ecke Kist­ner­stra­ße gegrün­det hat, getrennt.

Das Beklei­dungs­haus Armin Ket­el­sen wur­de schnell beliebt. Schon bald nach dem Ende des Ers­ten Welt­krie­ges waren es nicht mehr nur die Her­ren des noch dörf­li­chen Lehe, die sich hier ein­klei­den lie­ßen. Auch in Bre­mer­ha­ven, Geest­e­mün­de und wei­ten Tei­len des Land­krei­ses mach­ten sich die Kun­den auf nach Lehe in die Hafenstraße.

Der Zuspruch war so groß, dass Armin Ket­el­sen sei­nen Betrieb schon bald ver­grö­ßern muss­te. Im Jah­re 1921 wur­de das Eck­haus also durch einen  rück­wär­ti­gen  drei­ge­schos­si­gen  Anbau, der sich  weit  in  die  Sei­ten­stra­ße  Auf  den  Sül­ten  hin­ein­zog, erwei­tert. Der anfangs noch als rei­nes Kon­fek­ti­ons­haus geführ­te Betrieb ver­füg­te nun im Dach­ge­schoss über eine gro­ße Schnei­der­werk­statt, die vie­len Gesel­len einen Arbeits­platz bot.

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Im Jah­re 1924 wur­de aus Lehe und Geest­e­mün­de die neue Stadt Weser­mün­de gebil­det. Und in der Hafen­stra­ße 76 wur­den die Räum­lich­kei­ten aber­mals zu eng. Armin Ket­el­sen such­te nach einer Lösung und kauf­te im Jah­re 1926 das gegen­über­lie­gen­de Gebäu­de Hafen­stra­ße 78/80. Er bau­te groß an und ließ 1931 die Fas­sa­den modern gestal­ten. Und das Man­sar­den­dach des Eck­hau­ses Hafen­stra­ße 76 wur­de im Jah­re 1930 zu einem voll­wer­ti­gen  2. Ober­schoss  ausgebaut.

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In die­sen Jah­ren – in Bre­mer­ha­ven regier­te mitt­ler­wei­le die Haken­kreuz­frak­ti­on — rich­te­te Armin Ket­el­sen auch eine neue Abtei­lung für Damen-Ober­be­klei­dung ein.

Im Febru­ar 1932 eröff­ne­te Armin Ket­el­sen in Cux­ha­ven ein moder­nes Zweig­ge­schäft, das schon bald in erheb­li­chem Maße zum Geschäfts­um­satz beitrug.

Im Okto­ber 1935 wur­de Bre­mer­ha­ven wie­der Gar­ni­sons­stadt. In die neu gebau­ten Kaser­nen, in die ehe­ma­li­ge kai­ser­li­che Artil­le­rie­ka­ser­ne und in die Poli­zei­ka­ser­ne am Roten Sand zogen Mari­ne­sol­da­ten ein. Und Adolf Hit­ler stat­tet Bre­mer­ha­ven einen Besuch ab, um an der Pro­be­fahrt des Lloyd­schnell­damp­fers “Scharn­horst” teilzunehmen.

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In einer Gar­ni­sons­stadt gibt es natür­lich vie­le Sol­da­ten. Und Sol­da­ten tra­gen Uni­for­men. Und Armin Ket­el­sen erkann­te die Gunst der Stun­de, und sein Beklei­dungs­haus spe­zia­li­sier­te sich auf das Schnei­dern von Uni­for­men. Schon bald hat­te sich das Beklei­dungs­ge­schäft weit über die Stadt­gren­zen hin­aus einen guten Namen als Her­stel­ler für Uni­for­men gemacht. Offi­zie­re und Unter­of­fi­zie­re der Mari­ne lie­ßen sich ihre Uni­for­men von Ket­el­sen maß­an­fer­ti­gen. Auch Orden und Ehren­zei­chen wur­den angenäht.

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Das Beklei­dungs­haus Ket­el­sen arbei­te­te eng mit den Offi­ziers-Klei­der­kas­sen, den Schiff­fahrts­ge­sell­schaf­ten und mit den Zoll­dienst­stel­len zusam­men. Aus den ursprüng­li­chen Anfän­gen ent­wi­ckel­te sich nach und nach ein selb­stän­di­ger Geschäfts­zweig für die Her­stel­lung von Uni­for­men. In der Maß­schnei­de­rei waren in die­sen Jah­ren über 60 Schnei­der beschäftigt.

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1939 wur­de das Her­ren- und Kna­ben­be­klei­dungs­un­ter­neh­men Ket­el­sen von der Deut­schen Arbeits­front als “Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Mus­ter­be­trieb” aus­ge­zeich­net. In dem 1939 erschie­ne­nen Buch “Die NS-Mus­ter­be­trie­be 1939, Band 3” ist das Beklei­dungs­haus “Armin Ket­el­sen, Fach­ge­schäft für Her­ren- und Kna­ben­be­klei­dung, Weser­mün­de” auf­ge­führt. Um die Bedeu­tung des eige­nen Betrie­bes her­vor­zu­he­ben, konn­te Ket­el­sen das Buch mit Foto­gra­fien sei­nes Betrie­bes illus­trie­ren lassen.

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Die Bezeich­nung “NS-Mus­ter­be­trieb” war ein Ehren­ti­tel für Gewer­be­be­trie­be mit vor­bild­li­cher natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Hal­tung und Betriebs­ge­stal­tung. Der­ar­ti­ge Betrie­be wur­den bei der Ver­ga­be von Staats­auf­trä­gen bevor­zugt und waren berech­tigt, die Flag­ge der Deut­schen Arbeits­front mit gol­de­nem Rade und gol­de­nen Fran­sen zu führen.

In den Buch wur­de Armin Ket­el­sen als ein Chef geprie­sen, der sei­ne Mit­ar­bei­ter vor­bild­lich behan­delt. Ket­el­sen rich­te­te für sei­ne Arbei­ter und Lehr­lin­ge ein Erho­lungs­heim in Bruns­hau­sen bei Stub­be ein, in dem die­se ihre Feri­en­zeit ver­brin­gen konn­ten. Es war auch nicht sel­ten, das sich der Chef vor Dienst­be­ginn mit sei­nen Mit­ar­bei­tern auf dem Zollin­lands­platz zu einem Fuß­ball­spiel traf. Zum 25-jäh­ri­gen Betriebs­ju­bi­lä­um bedank­te sich Armin Ket­el­sen bei sei­nen lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­tern mit einem hand­ge­schrie­be­nen Brief, dem er ein Por­trait­fo­to von sich beifügte.

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Der Zwei­te Welt­krieg ver­schon­te auch das Beklei­dungs­haus Ket­el­sen nicht. Im Jah­re 1944 wur­de das Geschäfts­haus Hafen­stra­ße 78 bei einem Bom­ben­an­griff kom­plett zer­stört. Das Haus Hafen­stra­ße 76 jedoch trug kei­ne nen­nens­wer­ten Schä­den davon. Ledig­lich das 2. Ober­ge­schoss war zer­stört wor­den. Der rück­wär­ti­ge Gebäu­de­teil blieb von Schä­den ver­schont. Die ver­än­der­te heu­ti­ge Fas­sa­de ist meh­re­ren Umbau­maß­nah­men geschuldet.

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Als die US-Army nach dem Krieg als Besat­zungs­macht in Bre­mer­ha­ven ein­zog, beschlag­nahm­te sie neben vie­len ande­ren Häu­sern in der Hafen­stra­ße auch das Beklei­dungs­haus Ket­el­sen (Hafen­stra­ße 76) und rich­te­te im Erd­ge­schoß ein ame­ri­ka­ni­sches Kauf­haus ein (PX-Laden). Armin Ket­el­sen wur­de auf­grund sei­ner Nähe zum Natio­nal­so­zia­lis­mus von den Ame­ri­ka­nern bis zu sei­ner Ent­na­zi­fi­zie­rung aus der Geschäfts­füh­rung ent­las­sen. Die Her­ren Hens und Fech­ner wur­den als Treu­hän­der ein­ge­setzt und führ­ten bis zum Jah­re 1948 die Geschäfte.

Viel deut­sche und ame­ri­ka­ni­sche Pro­mi­nenz war zur offi­zi­el­len Eröff­nung anwe­send, als am 25. Mai 1949 das hier in der Leher Hafen­stra­ße 76 eben­falls ein­ge­zo­ge­ne Ame­ri­ka-Haus eröff­net wur­de. Man hat das Erd­ge­schoss für die Bedürf­nis­se des Ame­ri­ka­hau­ses umge­stal­tet: Leich­te Trenn­wän­de wur­den ein­ge­zo­gen und der Schau­fens­ter­be­reich wur­de leicht verändert.

Ein Trep­pen­haus im Neben­ein­gang an der Sei­ten­stra­ße dien­te fort­an als Haupt­ein­gang zum Beklei­dungs­haus. In den obe­ren Geschos­sen wur­den wie­der Uni­for­men geschnei­dert – jetzt nur noch für die ame­ri­ka­ni­schen Soldaten.

Im Juli 1951 ver­ließ das Ame­ri­ka­haus die Hafen­stra­ße bereits wie­der, um ihr neu­es Domi­zil in der Elbe-Stra­ße zu bezie­hen. Nun konn­te Armin Ket­el­sen wie­der allei­ne über sein Haus Hafen­stra­ße 76 ver­fü­gen. Er ließ das Haupt­trep­pen­haus in den Ver­kaufs­räu­men wie­der her­rich­ten. Außer­dem wur­de das Eck­haus mit dem Dach­ge­schoss­aus­bau wie­der her­ge­stellt. Die expres­sio­nis­ti­schen  Fas­sa­den­ele­men­te wur­den entfernt.

Am 11. April 1951 wur­de Armin Ket­el­sen 70 Jah­re alt. Zu sei­nem Geburts­tag hat die Nord­see-Zei­tung sein Lebens­werk in einem Auf­satz aus­führ­lich gewür­digt. Beson­ders her­vor­ge­ho­ben wur­de sei­ne fünf­zig­jäh­ri­ge akti­ve Sän­ger­tä­tig­keit. Davon war er drei­ßig Jah­re Lie­der­va­ter der Leher “Ger­ma­nia”.

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Unter der Über­schrift “In and Around Ger­ma­ny” berich­tet das ame­ri­ka­ni­sche “Infor­ma­ti­ons bul­le­tin” in der Aus­ga­be Janu­ar 1952 über eine Uni­form­spen­de an die Bre­mer­ha­ve­ner Pfad­fin­der. Dem US Resi­dent Offi­cer (Ver­bin­dungs­of­fi­zier) Edward Mero­ne fiel auf, dass vie­le Bre­mer­ha­ve­ner Pfad­fin­der kei­ne Uni­form tru­gen. Er bat ver­schie­de­ne Bre­mer­ha­ve­ner Fir­men um Hil­fe. Die Fir­ma Ket­el­sen spen­de­te das Mate­ri­al für die T‑Shirts, und Fir­ma Rame­low spen­de­te den Hosen­stoff. Für die Näh­kos­ten kam Edward Mero­ne auf. In einer fei­er­li­chen Zere­mo­nie über­reich­te Armin Ket­el­sen dem Pfad­fin­der Deblitz 55 Pfad­fin­der­uni­for­men mit den Wor­ten: “Wir prä­sen­tie­ren Ihnen die­se Uni­for­men in der Hoff­nung, dass man sie im wah­ren Pfad­fin­der­geist tra­gen wird.” “All­zeit bereit”, ver­sprach Deblitz.

Der Fir­men­grün­der, der bis­her allei­ni­ger Inha­ber des Beklei­dungs­hau­ses war, wan­del­te die­ses ein Jahr nach sei­nem 70. Geburts­tag in eine Kom­man­dit­ge­sell­schaft um. Als der Fir­men­grün­der am 4. Sep­tem­ber 1954 ver­starb, wur­de sein Nef­fe Fritz Lan­ge Geschäftsführer.

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In die­ser Zeit stan­den bei Ket­el­sen 123 kauf­män­ni­sche Ange­stell­te und Schnei­der auf der Lohn­lis­te,  davon waren 18 Mit­ar­bei­ter in der Cux­ha­ve­ner Filia­le tätig. Außer­dem arbei­te­ten, wie es in der Beklei­dungs­in­dus­trie damals üblich war, wei­te­re Mit­ar­bei­ter als “Heim­ar­bei­ter” für Ket­el­sen. Sie ver­näh­ten Fäden, besäum­ten Knopf­lö­cher und näh­ten Knöp­fe an.

In der Ände­rungs­schnei­de­rei waren Anfang der 1950er Jah­re etwa sechs Schnei­de­rin­nen und eine Meis­te­rin (Direc­tri­ce-Lei­te­rin) beschäf­tigt, die aus­schließ­lich für die Damen­be­klei­dung zustän­dig waren. Wenn auch Ände­rungs­ar­bei­ten wie Kür­zen, Wei­ten, Enger­ma­chen und Abste­cken zu den Haupt­auf­ga­ben der Ände­rungs­schnei­de­rei gehör­ten, so wur­den hier aber auch neue Abend­klei­der geschnei­dert und Moden­schau­en ausgerichtet.

Lehr­jah­re sind kei­ne Her­ren­jah­re”, das war damals ein geflü­gel­tes Wort. Heu­ti­ge Aus­zu­bil­den­de wür­den sicher ent­setzt drein­schau­en, wür­de man ihnen der­art aus­bil­dungs­fer­ne Tätig­kei­ten zumu­ten, wie sie die dama­li­gen Lehr­lin­ge zu ver­rich­ten hat­te. So gehör­te bei der Fir­ma Ket­el­sen zu den Lehr­lings­auf­ga­ben jener Jah­re der Heiz­dienst an den Wochen­en­den. Die Ame­ri­ka­ner stell­ten die Koh­le bereit, mit denen der Heiz­dienst die von den Ame­ri­ka­nern genutz­ten Räu­me zu hei­zen hat­ten. Manch ein Heiz­dienst hat die Gele­gen­heit wahr­ge­nom­men und ein paar Koh­len für daheim mitgenommen.

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Der Dienst am Kun­den war für das Beklei­dungs­haus Ket­el­sen genau­so Selbst­ver­ständ­lich wie das freund­li­che und hilfs­be­rei­te Mit­ein­an­der unter den Mit­ar­bei­tern. Von der Geschäfts­lei­tung über den Mit­ar­bei­tern bis hin­un­ter zum jüngs­ten Lehr­ling war man stolz dar­auf, zu einer gro­ßen Fami­lie zu gehö­ren. Ein gro­ßer Anteil der Ange­stell­ten blieb der Fir­ma Ket­el­sen jahr­zehn­te­lang treu. Und die Fir­men­treue wur­de belohnt mit sozia­len Leis­tun­gen, die für die dama­li­ge Zeit nicht selbst­ver­ständ­lich waren. So gab es zum Bei­spiel schon in den 1950er Jah­ren für die Mit­ar­bei­ter eine betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung. Auch gehör­ten grö­ße­re Spen­den an cari­ta­ti­ve Ver­bän­de zur Tra­di­ti­on des Beklei­dungs­hau­ses Ketelsen.

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Im Jah­re 1958 wur­de die Uni­form­schnei­de­rei ein­ge­stellt. Deut­sche Uni­for­men wur­den ab 1945 ja nicht mehr gebraucht, und auf­grund der Beschrän­kun­gen, die die Alli­ier­ten im Jah­re 1945 für die deut­sche Han­dels­schiff­fahrt ein­führ­ten, wur­den auch von den Ree­de­rei­en immer weni­ger Uni­for­men nach­ge­fragt. Der Betrieb wur­de umge­stellt auf die Pro­duk­ti­on von “vor­neh­me Herren‑, Jüng­lings- und Kna­ben­be­klei­dung”. Bestimmt wer­den sich noch vie­le älte­re Leher an ihren Kon­fir­ma­ti­ons­an­zug aus dem Hau­se Ket­el­sen erinnern.

Nach­dem Aus­zug des Ame­ri­ka­hau­ses blieb das Beklei­dungs­ge­schäft Ket­el­sen noch zehn Jah­re in Lehe. Im Jah­re 1961 gab das Unter­neh­men die Geschäf­te in der Hafen­stra­ße auf und eröff­ne­te in der attrak­ti­ve­ren Bür­ger­meis­ter-Smith-Stra­ße 42 Ecke Kir­chen­stra­ße das “Spe­zi­al­haus für Her­ren- und Damenbekleidung”.

Nun, nach­dem die Ame­ri­ka­ner aus­ge­zo­gen waren und auch die Fir­ma Ket­el­sen das Haus Hafen­stra­ße 76 ver­las­sen hat, kauf­te die Stadt Bre­mer­ha­ven das Gebäu­de. Das Hoch­bau­amt zog jetzt hier ein und auch eine Zweig­stel­le der Stadt­bi­blio­thek. 1986 ver­kauf­te die Stadt das Haus an einen Möbelhändler.

Fritz Lan­ge, der Nef­fe des Fir­men­grün­ders Armin Ket­el­sen, war seit 1954 Geschäfts­füh­rer des Beklei­dungs­hau­ses. Im Jah­re 1978 zog sich Fritz Lan­ge aus der Geschäfts­füh­rung zurück und über­gab sei­nem Sohn Uwe Lan­ge das Ruder. Lei­der muss­te die­ser den Betrieb im Jah­re 1991 man­gels aus­rei­chen­der Ren­ta­bi­li­tät schlie­ßen. Wie Wer­ner Mahler, der bei Ket­el­sen 25 Jah­re als Wer­be­lei­ter beschäf­tigt war, muss­ten sich auch vie­le ande­re Mit­ar­bei­ter eine neue Anstel­lung suchen. Eine 80-jäh­ri­ge Fir­men­ge­schich­te ging zu Ende.
Quel­len:
H. Hil­de­brand: “Das Beklei­dungs­haus von Armin Ket­el­sen”, Geschich­ten aus Lehe, Band 1
Dr. Hart­mut Bickel­mann: “Wunsch­vor­stel­lung und Wirk­lich­keit”, Nie­der­deut­sches Hei­mat­blatt Nr. 733 vom Janu­ar 2011
Dr. Georg Bes­sell: “Hei­mat­chro­nik der Stadt Bre­mer­ha­ven”, Sei­ten 286 ff.
“Armin Ket­el­sen 70 Jah­re alt”, Nord­see-Zei­tung vom 11.04.1951
“Fach­leu­te in Sachen Wer­bung”, Nord­see-Zei­tung vom 16.04.2013
“Boy Scouts Get Help”, US Infor­ma­ti­ons Bul­le­tin “In and AROUND Ger­ma­ny” aus  Janu­ar 1952
stereoskopie.com
Kata­log Day 1 vom 17. – 18. März 2016, Sei­te 82, Alex­an­der His­to­ri­cal Auctions

Uhrenhaus Liedecke hält die Zeiger für immer an

Nur noch bis zum heu­ti­ge 30. Juli 2016 tickt es im Uhren­haus Lide­cke. Dann hält Rolf Lide­cke die letz­ten Uhren in sei­nem Laden in der Geest­e­mün­der Johan­nes­stra­ße 4 für immer an. Das Tra­di­ti­ons­ge­schäft schließt, der Kapi­tän der Uhren geht für immer von Bord.Uhrenhaus LideckeIm Jah­re 1855 fand in Paris die Welt­aus­stel­lung statt, In Lon­don wird die Tages­zei­tung The Dai­ly Tele­graph gegrün­det, und in Bre­mer­ha­ven wird der 36 Meter hohe neu­go­ti­sche Leucht­turm in Betrieb genom­men und die gro­ße Kir­che eingeweiht.

Es ist das glei­che Jahr, in dem in Geest­e­mün­de, das zu jener Zeit zum König­reich Han­no­ver gehör­te, die Teck­len­borg­werft das “König-Georg-Dock” in Betrieb nimmt. Und 1855 ist das Jahr, in dem Georg Lide­cke in See­feld bei Nor­den­ham sein Uhren­ge­schäft grün­det, das er acht Jah­re spä­ter nach Bra­ke verlegt.

In Bra­ke wird Georg Lide­cke aber auch nur elf Jah­re blei­ben. Im Jah­re 1884 über­quer­te er mit sei­nem Uhren­ge­schäft die Weser und ließ sich in Geest­e­mün­de — das inzwi­schen zum Deut­schen Kai­ser­reich gehör­te — in der Bor­ries­stra­ße nie­der. Die dama­li­ge Haupt­ver­kehrs­stra­ße, durch der die Bahn fuhr, war zu jener Zeit eine noble Adres­se. Hier ver­kauf­te Georg Lide­cke Juwe­len, Uhren, Gold­ und Sil­ber­wa­ren und opti­sche Gerä­te an die fei­ne Gesellschaft.

Drei­mal wech­sel­te Georg Lide­cke in die­ser Stra­ße den Stand­ort sei­nes Geschäf­tes. Im Jah­re 1904 kauf­te er das Haus Num­mer 33, um sei­nen Juwe­lier­la­den erheb­lich zu ver­grö­ßern. Und als die Bür­ger zu einer moder­nen Fla­nier­mei­le auf­stieg, eröff­ne­te Georg dort eine Filiale.

1901 über­gab Georg das Fir­men­ru­der an sei­nen Sohn Franz, der nach sei­ner Leh­re zum Uhr­ma­cher die Deut­sche Uhr­ma­cher­schu­le Glas­hüt­te (eine säch­si­sche Inge­nieur­schu­le für Fein­werk­tech­nik) absol­vier­te. Hier erlern­te er auch die Fer­ti­gung von Schiffs­chro­no­me­tern. Sei­ne Prü­fung leg­te er mit Bra­vour ab und erhielt eine Aner­ken­nungs­ur­kun­de der Groß­mann-Stif­tung.  Anschlie­ßend arbei­te­te er für eine län­ge­re Zeit in England.

Franz war über­ra­gend tüch­tig und  sehr flei­ßig. Vom Mon­tag­mor­gen bis zum Sams­tag­abend stand er im Geschäft. Und zusätz­lich am Sonn­tag vor dem Kirch­gang. Die­sen Arbeits­ein­satz erwar­te­te er auch von sei­nen Mit­ar­bei­tern, mit denen er nur dienst­li­ches besprach. Pri­va­te Wor­te wur­den nicht gewechselt.

Uhrenhaus Lidecke haelt die Zeiger fuer immer an

Franz Lie­de­cke spe­zia­li­sier­te sich und bau­te Schiffs­chro­no­me­ter.  Das waren ganz beson­de­re Uhren, die zur Bestim­mung der geo­gra­phi­schen Län­ge benutzt wur­den. An Prä­zi­si­on und Gang­ge­nau­ig­keit der Uhren wur­den daher höchs­te Anfor­de­run­gen gestellt. Die Roh­wer­ke bezog er von sei­nem Lehr­be­trieb in Glas­hüt­te oder auch aus England.

In sei­nem Arbeits­le­ben stell­te Franz Lide­cke mehr als 800 “Län­gen­uh­ren” her. Sei­ne Chro­no­me­ter hat­ten einen her­vor­ra­gen­den Ruf. Vie­le natio­na­le und inter­na­tio­na­le Prei­se und Aus­zeich­nun­gen waren der Lohn für sei­ne meis­ter­li­chen Arbei­ten. Die Gang­ge­nau­ig­keit wur­de von der See­war­te in Ham­burg geprüft. Die Ein­künf­te aus den Schiffs­chro­no­me­tern bescher­ten ihm einen gewis­sen Wohlstand.

Uhrenhaus Lidecke haelt die Zeiger fuer immer an

Dann kam der Zwei­te Welt­krieg, und das Haupt­ge­schäft in der Bor­ries­stra­ße wur­de eben­so ein Opfer der Bom­ben­an­grif­fe wie die Filia­le in der Bür­ger­meis­ter-Smidt-Stra­ße, aus der Franz Lide­cke ledig­lich eine Prä­zi­ons­uhr ret­ten konn­te. Aber Franz gab nicht auf und, rich­te­te in sei­ner ver­schont geblie­be­nen Vil­la in der Rudolf­stra­ße 7 erst ein­mal eine Repa­ra­tur­werk­statt ein.

Als der Zwei­te Welt­krieg vor­über war, durf­ten in Deutsch­land vie­le Jah­re kei­ne Schif­fe gebaut wer­den. Franz Lide­cke stell­te kei­ne Schiffs­chro­no­me­ter mehr her. Aber er nahm Repa­ra­tur­auf­trä­ge für Schiffs­uh­ren an und rich­te­te ein Geschäft in der Hafen­stra­ße ein.

Uhrenhaus Lidecke haelt die Zeiger fuer immer an

Im Jah­re 1955 konn­te der Fami­li­en­be­trieb sein 100­jähriges Bestehen fei­ern. Zur Ruhe set­zen konn­te er sich nicht. Als Franz Lie­de­ckes Sohn Wer­ner, der Enkel­sohn des Fir­men­grün­ders Georg, aus Krieg und Gefan­gen­schaft nach Hau­se kam, eröff­ne­te er schon 1957 sei­nen eige­nen Uhren­la­den in der Johan­nes­stra­ße 4.

Hier erlern­te auch sein Sohn Rolf, der Uren­kel des Fir­men­grün­ders, das Uhr­ma­cher­hand­werk. Zunächst führ­ten Vater Wer­ner und Sohn Rolf das Geschäft gemein­sam. Aber die letz­ten Jahr­zehn­te war der Vater nicht mehr dabei. Rolf ver­kauf­te und repa­rier­te die Uhren, und sei­ne Ehe­frau küm­mer­te sich um das Finanzielle.

Es gibt kaum noch Uhren “mit Herz” zu kau­fen – Uhren die man täg­lich auf­zie­hen muss. Heu­te ist alles digi­tal, die Zei­ger wer­den von einer Bat­te­rie vor­wärts­ge­trie­ben. Und wenn sich die Zei­ger nicht mehr bewe­gen, kommt die Uhr eben in den Müll. Die Freu­de über die ers­te Uhr zur Kon­fir­ma­ti­on – wer kennt sie noch?

So fan­den fast nur noch Stamm­kun­den den Weg in das Tra­di­ti­ons­ge­schäft von Rolf Lide­cke. Men­schen, die noch eine “rich­ti­ge” Uhr hat­ten, brach­ten sie zum Rei­ni­gen, Über­ho­len oder Repa­rie­ren. Oder zum Umstel­len auf die Som­mer- oder Win­ter­zeit. Alte Uhren, die mit Sorg­falt behan­delt wer­den müssen.

Aber, wie schon Ein­gangs erwähnt, tickt es nach fast 60 Jah­ren ab 1. August 2016 nicht mehr im Uhren­haus in der Johan­nes­stra­ße 4 in Geest­e­mün­de. Nach vier Gene­ra­tio­nen schließt der 76-jäh­ri­ge Rolf Lide­cke das Geschäft für immer ab. Der Beruf des Uhr­ma­chers stirbt aus.
Quel­len:
Die Stun­de null im Uhren­haus”, Nord­see-Zei­tung vom 07.05.2005
Wer hat an der Uhr gedreht?”, Nord­see-Zei­tung vom 24.10.2009
Bald ste­hen die Uhren für immer still”, S. Schier­wa­ter, Nord­see-Zei­tung vom 07.07.2016
Uhr­ma­cher 50 Jah­re bei der Stä­wog”, Stä­wog-Mie­ter­zei­tung Juni 2010
Chro­no­me­ter­ma­cher in den Regio­nen”, Deut­sches Schiffahrtsmuseum
AUSTRALIAN WAR MEMORIAL

Das Kraftverkehrsunternehmen Lunte & Sauer

Das Deut­sche Reich hat­te noch einen Kai­ser, als am 1. Juli 1907 die Geschich­te des Kraft­ver­kehrs­un­ter­neh­men Lun­te & Sau­er begann. An jenem Tag nahm der am 7. Juli 1867 gebo­re­ne Johann Carl Niko­laus Lun­te das Kon­fir­ma­ti­ons­geld sei­nes zwei­ten Soh­nes Hein­rich in die Hand, kauf­te davon ein Pferd und grün­de­te sein Fuhr­un­ter­neh­men.Das Kraftverkehrsunternehmen Lunte & SauerWohn- und Fir­men­sitz der Ehe­leu­te Johann und Anna Lun­te war das Haus Num­mer 31 in der Kist­ner­stra­ße. Die Kist­ner­stra­ße liegt auf der alten Leher Flur “Die Mei­de”. Das Wort kommt aus dem Ost­frie­si­schen und bedeu­tet Grün­land, Gras­land oder Heuland.

1907 Adressbuch

Es waren arbeits- und ent­beh­rungs­rei­che Jah­re für das Ehe­paar Lun­te. Nicht nur das neu gegrün­de­te Fuhr­un­ter­neh­men, dem das Kai­ser­li­che Post­amt die Leher Fern­ruf­num­mer 1479 zuteil­te, ver­lang­te den bei­den viel Kraft ab. Es galt auch, sie­ben Kin­der zu ver­sor­gen und eine klei­ne Neben­er­werbs­land­wirt­schaft, bestehend aus einem Feld und ein paar Schwei­ne und Kühe, zu betreiben.

1912 Fuhrunternehmen Lunte

In der Fir­men­ge­schich­te spielt die Kist­ner­stra­ße aber kei­ne gro­ße Rol­le. Im Jah­re 1912, also nur fünf Jah­re nach der Fir­men­grün­dung, kauf­te Johann Lun­te das Haus Num­mer 18 a in der August­stra­ße und ver­leg­te sei­nen Wohn­sitz und sei­nen Betrieb dorthin.

Dann kam der Ers­te Welt­krieg. Hun­dert­tau­sen­de Pfer­de wur­den requi­riert und muss­ten unge­heu­re Rüs­tungs­men­gen zu den Fron­ten schlep­pen. Die meis­ten Pfer­de wur­den den Bau­ern weg­ge­nom­men, aber mög­li­cher­wei­se muss­te auch Johann Carl Niko­laus Lun­te ein oder meh­re­re Pfer­de sei­nes Fuhr­un­ter­neh­mens für den Kriegs­dienst hergeben.

Für vie­le Ade­li­ge war es im Ers­ten Welt­krieg noch selbst­ver­ständ­lich, mit einem Pferd in die Schlacht zu zie­hen. Als der Krieg dann im Jah­re 1918 end­lich vor­über war, kam ein deut­scher Offi­zier mit sei­ner Stu­te von der Front zurück. Der Offi­zier bot sein Pferd zum Kauf an, und Johann Lun­te erwarb das Tier für sein Fuhrunternehmen.

1918 Fuhrunternehmen Lunte

Arthur Wil­helm, das fünf­te Kind von Johann und Anna Lun­te, hat beim Lloyd Elek­tri­ker gelernt. Als sich der Fir­men­grün­der mit 62 Jah­ren zur Ruhe setz­te, über­nahm Arthur Wil­helm am 1. Juli 1929 — 22 Jah­re nach der Fir­men­grün­dung — das Ruder des Fuhr­un­ter­neh­mens. Aber auch ihre gut lau­fen­de Koh­len­hand­lung führ­ten sie als Neben­be­schäf­ti­gung weiter.

Ehepaar Artur und Erna Lunte

Schon ein Jahr spä­ter – im Jah­re 1930 – wur­de das ers­te Auto ange­schafft. Und irgend­wann stand auch der ers­te Last­kraft­wa­gen auf dem Hof. Ein Hen­schel mit Nie­ren­küh­ler­mas­ke. “Arthur Lun­te – Eil­dienst” war auf der Bei­fah­rer­tür zu lesen. Die­se gro­ße Inves­ti­ti­on rief natür­lich noch ein­mal den Fir­men­grün­der Johann Lun­te auf den Plan. Klar, dass er es sich nicht neh­men ließ, auf dem Bei­fah­rer­sitz Platz zu nehmen.

1930 Das erste Auto

Selbst fah­ren durf­te er ver­mut­lich nicht. Es ist nicht anzu­neh­men, dass Johann Lun­te im Besitz einer Fahr­erlaub­nis war. Bereits am 3. Mai 1909 wur­de näm­lich die ers­te Reichs-Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung ein­ge­führt. Dar­in war fest­ge­legt, dass zum Füh­ren eines Kraft­fahr­zeu­ges mit einem Gesamt­ge­wicht von über 2,5 Ton­nen der Füh­rer­schein Klas­se II erfor­der­lich war. Und Rasen wur­de auch ver­bo­ten – inner­orts durf­te kein Fahr­zeug schnel­ler als 15 km/h unter­wegs sein. Erst im Jah­re 1923 wur­de das Tem­po­li­mit auf 30 km/h erhöht. Die zustän­di­ge Ver­wal­tungs­be­hör­de konn­te das Limit auf 40 km/h heraufsetzen.

Beifahrer Johann Lunte

Der Hen­schel muss­te wohl für eine lan­ge Zeit sei­nen Dienst ver­rich­tet haben. Eine Ersatz­be­schaf­fung war wäh­rend der Kriegs­jah­re ja unmög­lich. Ab 1939 durf­ten kei­ne Last­kraft­wa­gen von oder an pri­vat gekauft oder ver­kauft werden.

Arthur und Erna Lun­te hat­ten nur ein Kind – die Mar­got. Am 25. März 1943 leg­te Mar­got mit erst 17 Jah­ren erfolg­reich die Prü­fung für den Füh­rer­schein der Klas­se II ab. Das war für eine Frau sehr unüb­lich, konn­ten sie doch bis zum Jah­re 1958 nur mit Erlaub­nis des Ehe­man­nes oder Vaters einen Füh­rer­schein machen. Aber in den Kriegs­jah­ren – die Män­ner sind an der Front — ver­rich­ten vie­le Frau­en all die Arbei­ten, die sonst die Män­ner ver­rich­tet haben. Und das Fah­ren eines Last­wa­gens gehört nun mal dazu.

Aller­dings soll­ten Last­wa­gen mit zwei Anhän­gern bald der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren. In den 1950er Jah­ren schränk­te der dama­li­ge Ver­kehrs­mi­nis­ter Hans-Chris­toph See­bohm Län­ge und Gewicht für Last­wa­gen dras­tisch ein.

Margot Lunte

Vor dem Zwei­ten Welt­krieg wur­den vie­le Last­kraft­wa­gen mit einem Holz­ver­ga­ser aus­ge­lie­fert. Das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land woll­te unab­hän­gig von Erd­öl­lie­fe­run­gen aus dem Aus­land sein. Und als der Treib­stoff wäh­rend des Krie­ges dau­er­haft knapp wur­de, blieb Ben­zin und Die­sel nur noch den Wehr­machts­fahr­zeu­gen vor­be­hal­ten. So muss­te auch der Fuhr­un­ter­neh­mer Lun­te sei­ne Fahrt immer wie­der unter­bre­chen, um den Ofen hin­ter sei­nem Füh­rer­haus mit fri­schem Holz zu befeuern.

1943 Tanken an der Bundesstrasse

Die Kes­sel für einen Holz­gas­ge­ne­ra­tor konn­ten mit etwa 150 Kilo Holz befüllt wer­den. Das reich­te bei einem Last­wa­gen für eine Stre­cke von unge­fähr 150 Kilo­me­ter. War die Trans­port­stre­cke län­ger, muss­te unter­wegs neu­er Brenn­stoff orga­ni­siert werden.

1943 Winter an der Bundesstrasse

Es war nicht immer ein­fach, einen Bau­ern zu fin­den, der Holz zu ver­kau­fen hat­te. Wenn das Holz dann aber erst ein­mal im Kes­sel brann­te, hat­ten sich nach unge­fähr fünf Minu­ten genü­gend Gase gebil­det, um den Motor wie­der anzu­trei­ben. Dann konn­te man sei­nem Ziel wei­ter ent­ge­gen­tu­ckern. Und an den Rän­dern der Land­stra­ßen blie­ben klei­ne Asche­hau­fen zurück.

Henschel-Lastkraftwagen

Mar­got Lun­te hei­ra­te­te am 24. Febru­ar 1945 den Kon­di­tor Heinz-Wil­helm Sau­er. Gut sie­ben Jah­re spä­ter, am 1. Okto­ber 1952, wur­de Heinz-Wil­helm Teil­ha­ber in der Fir­ma sei­nes Schwie­ger­va­ters. Vor dem Fir­men­tor steht jetzt ein Kaelble-Lastkraftwagen.

1951 Jungfernfahrt mit dem Kaelble

War­um der Fir­men­chef die Mar­ke gewech­selt hat, ist nicht bekannt. War es viel­leicht dem Umstand geschul­det, daß die Fir­ma Hen­schel auf­grund ihrer Kriegs­gü­ter­pro­duk­ti­on nach dem Krieg zunächst kei­ne Fahr­zeu­ge bau­en durfte?

Wie dem auch sei, mit dem Kaelb­le scheint der Fir­men­chef eine gute Wahl getrof­fen zu haben. Das Fahr­zeug hat mit einer Maschi­ne 300.000 Kilo­me­ter  abgespult.

1952 Heinz-Wilhelm Sauer

Es waren har­te Nach­kriegs­jah­re für Johann Lun­te und sei­nem Teil­ha­ber und Schwie­ger­sohn Heinz-Wil­helm Sau­er. Die ers­ten Auf­trä­ge bekam das Fuhr­un­ter­neh­men von der US-Armee. Die Güter für die ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­sol­da­ten in Deutsch­land kamen per Schiff nach Bremerhaven.

1960 Kaelble-Gespann

In den Lager­hal­len am Roten Sand, dort wo heu­te das E‑Center steht, wur­de alles zwi­schen­ge­la­gert. Eini­ge der Hal­len ste­hen noch an der Rud­l­off­stra­ße. Von dort wur­de alles auf die US-Kaser­nen ver­teilt. Natür­lich Unmen­gen Coca-Cola! Und aus Ame­ri­ka ein­ge­führ­tes Kat­zen­streu für die deut­schen Kat­zen der GI’s. Und der damals noch uner­reich­ba­re Traum einer jeden deut­schen Haus­frau – Waschmaschinen!

Kaelble-Lastkraftwagen

Gela­den wur­de von Hand. Eine Palet­te nach der ande­ren wur­de ver­la­den. Und so ver­schwan­den auf den Lade­flä­chen der Last­wa­gen Kon­ser­ven und Becks Bier, Wasch­pul­ver und das besag­te Kat­zen­streu aus Ame­ri­ka, Ziga­ret­ten und Coca-Cola. Und oben­auf wur­den die Wasch­ma­schi­nen gehievt. Gut 2.200 Kar­tons pass­ten auf die Last­wa­gen. Das waren 23,5 Ton­nen Gewicht.

1960 Bananenpier

Wenn alles ver­la­den war, ging die Tour zu den US-Kaser­nen los. Mit drei Last­wa­gen trans­por­tier­te das Fuhr­un­ter­neh­men Lun­te & Sau­er die Lebens­mit­tel und Kon­sum­gü­ter von Bre­mer­ha­ven nach Kas­sel und Gie­ßen, nach Fried­berg, Karls­ru­he, Ulm und Darm­stadt. Und nach Ober­am­mer­gau und Gar­misch. Ins­ge­samt muss­ten 56 Abla­de­stel­len ange­fah­ren und die Kar­tons ein­zeln ent­la­den werden.

Jürgen Sauer

Für den im Jah­re 1946 gebo­re­nen Sohn von Heinz-Wil­helm Sau­er und sei­ner Ehe­frau Mar­got, gebo­re­ne Lun­te, gehör­ten die ame­ri­ka­ni­schen Last­wa­gen eben­so zum All­tag, wie für Wil­fried Lun­te, ein Enkel des Fir­men­grün­ders. Die gro­ßen Armee-Sat­tel­schlep­per stan­den immer am Leher Stadt­park. Dort hat Wil­fried Lun­te auch ein­mal ver­sucht, Scho­ko­la­de aus einem Füh­rer­haus zu mop­sen. Das ging aber schief, ein GI hat ihn erwischt und hoch­kan­tig aus den Last­wa­gen geschmissen.

Da hat­te Jür­gen Sau­er spä­ter mehr Glück. Als 4‑Jähriger bekam er von einem im Hau­se Sau­er ein­quar­tier­ten Mili­tär­po­li­zis­ten ein Stück Scho­ko­la­de geschenkt. Klar dass der klei­ne Jür­gen mit dem Sol­da­ten gleich ewi­ge Freund­schaft schloss!

Jürgen Sauer auf dem Lkw

So hat Jür­gen Lun­te den Die­sel­ge­ruch sozu­sa­gen bereits mit der Mut­ter­milch auf­ge­so­gen. Da war es nur natür­lich, dass er sei­nen Vater Heinz-Wil­helm Sau­er schon als Kind so oft wie mög­lich auf Fern­fahr­ten beglei­te­te. Und als Jugend­li­cher muss­te er kräf­tig mit anpa­cken. Eine uner­war­te­te Begeg­nung in Fried­berg soll­te für den damals 13-jäh­ri­gen Jür­gen eine tol­le Beloh­nung sein: Wie aus dem Nichts stand der uni­for­mier­te Elvis Pres­ley plötz­lich am Lastwagen.

Aber auch Zuhau­se gab es immer viel zu tun. Egal, ob ein Num­mern­schild neue Far­be brauch­te oder ob ein defek­ter Motor aus­ge­tauscht wer­den muss­te — vie­le Arbei­ten wur­den in der eige­nen Werk­statt selbst erledigt.

Fahrzeugpflege

Gewiss ahn­te Jür­gen Sau­er in jenen Jah­ren noch nicht, dass er ein­mal in die Fuß­stap­fen sei­ner Eltern tre­ten wür­de. Zunächst deu­te­te auch nichts dar­auf hin: Nach der Schu­le absol­vier­te er eine Leh­re als Groß­han­dels­kauf­mann. Und danach rief die Bun­des­wehr, und Jür­gen Sau­er leis­te­te sei­ne Wehr­pflicht ab. Als Sol­dat erwarb er den Füh­rer­schein Klas­se 2.

1969 Sattelzug

Irgend­wann ab Anfang der 1970er Jah­re saß Jür­gen dann doch hin­ter dem Lenk­rad eines Lkw. In jener Zeit führ­te ihn eine Tour ins Badi­sche. Die Stra­ße war spie­gel­glatt, und in der Nähe von Brett­en ging es in Ser­pen­ti­nen abwärts. Mit jedem Brems­vor­gang droh­te der Last­wa­gen von der Stra­ße zu rut­schen. Also wur­de mög­lichst wenig gebremst – oder gar nicht. Auch nicht, als im Tal die blin­ken­den roten Lich­ter eines Bahn­über­gan­ges auf­tauch­ten. “Augen zu und rüber über die Glei­se”, war die Devi­se. Jür­gen Sau­er hat es auch gera­de noch so geschafft. Kaum waren die Bahn­glei­se über­quert, da rausch­te hin­ter dem Last­wa­gen der Zug vor­bei. Der Schreck war so groß, dass die Fahrt am nächs­ten Gast­hof unter­bro­chen wurde.

1970 Frontlenker

Wur­den anfangs nur Lebens­mit­tel trans­por­tiert, muss­te spä­ter auch der Haus­rat der US-Sol­da­ten, die alle paar Jah­re zu einem ande­ren Stand­ort wech­sel­ten, ver­la­den wer­den. Der Haus­rat wur­de in Möbel­kis­ten ver­packt. Die hat­ten so gro­ße Aus­ma­ße, dass die Plan­ge­stel­le auf den 38-Ton­ner erhöht wer­den muss­ten. Damit erreich­ten die Fahr­zeu­ge eine Höhe von vier Meter – und pass­ten nun nicht mehr durch die Toreinfahrt.

Im Jah­re 1976 mach­te sich der 78 Jah­re alte Arthur Lun­te an die Arbeit. Er riss die schö­ne alte Ein­fahrt ab, um die Hof­ein­fahrt zu ver­grö­ßern. Den größ­ten Teil der Umbau­ar­bei­ten  erle­dig­te Arthur Lun­te trotz sei­nes Alters selbst.

Hofdurchfahrt

Es ging nicht nur berg­auf mit dem Fuhr­un­ter­neh­men Lun­te & Sau­er. Natür­lich gab es auch Rück­schlä­ge zu ver­kraf­ten – wie wohl in vie­len ande­ren Unter­neh­men auch.

Manch­mal hat­te der Betrieb ein gutes Jahr hin­ter sich gebracht, und alle blick­ten hoff­nungs­voll in die Zukunft. Dann ver­un­glück­te ein Last­wa­gen und die gan­ze Freu­de war dahin. So riss der Unfall vom 15. Febru­ar 1966 bei Kas­sel ein gro­ßes Loch in die Fir­men­kas­se. Und gut zehn Jah­re spä­ter gab es am 18. Febru­ar 1977 auf der Sau­er­land­li­nie einen Total­scha­den an der Mer­ce­des-Zug­ma­schi­ne zu ver­kraf­ten. Die letz­te Rate war gera­de mal vier Wochen vor­her bezahlt worden.

Unfall auf der Sauerlandlinie

Oft­mals fuhr aber auch das Glück auf der Bei­fah­rer­sei­te mit. Wer jemals mit einem Kraft­fahr­zeug auf Eng­lands Stra­ßen unter­wegs war, hat die Situa­ti­on bestimmt selbst erlebt: Man passt höl­lisch gut auf, dass man immer auf der lin­ken Stra­ßen­sei­te fährt. Dann geht es hin­ein in einen Kreis­ver­kehr, von denen es in Eng­land reich­lich vie­le gibt. Man fährt also links­her­um in den Kreis hin­ein und lan­det bei her­aus­fah­ren plötz­lich auf der rech­ten Stra­ßen­sei­te. Oder es gibt die hart­ge­sot­te­nen Fah­rer, die fah­ren – wie sie es auf dem Kon­ti­nent gewohnt sind – gleich rechts in den Kreis­ver­kehr hin­ein. So einen uner­fah­re­nen Fah­rer gab es auch beim Fuhr­un­ter­neh­men Lun­te & Sau­er. Es ist alles gut gegan­gen, das Glück saß ja auf der Beifahrerseite.

Am 1. Juli 1979 mag auch Arthur Lun­te ein paar Glücks­trä­nen ver­gos­sen haben. An die­sem Tag konn­te er sein 50-jäh­ri­ges Fir­men­ju­bi­lä­um fei­ern. Gleich­wohl wird ihm nicht so recht zum Fei­ern zumu­te gewe­sen sein, ist doch sei­ne lie­be Ehe­frau Erna sie­ben Mona­te zuvor verstorben.

Winter 1979

Erna Lun­te fehl­te über­all im Betrieb. Im Novem­ber 2013 tra­fen sich noch ein­mal ein Dut­zend frü­he­rer Kol­le­gen auf dem Betriebs­ge­län­de des ehe­ma­li­gen Leher Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­mens. Erin­ne­run­gen an das tol­le Betriebs­kli­ma wur­den wach, und Dönt­jes wur­den aus­ge­tauscht: Ja, der Seni­or­chef Arthur und sei­ne Frau Erna waren schon die See­len des Betrie­bes. Alles war sehr fami­li­är, sehr kol­le­gi­al. Jeder kann­te jeden. Und wenn sonn­abends die Las­ter im Hof stan­den und fer­tig geputzt und repa­riert waren, dann haben sich alle zusam­men­ge­setzt und es wur­de gemein­sam gefrüh­stückt. Dabei wur­den Pro­ble­me bespro­chen, und es wur­de auch viel gelacht. Etwa über den Kol­le­gen, der ein Pfer­de­narr war. Eigent­lich soll­te er Bana­nen nach Stutt­gart brin­gen. Aber im Hes­si­schen zog ein Pfer­de­trans­por­ter sei­ne Auf­merk­sam­keit auf sich. Dem fuhr er bis zum Stall hin­ter­her und bewun­der­te dort das Pferd – und in Stutt­gart kamen die Bana­nen nicht pünkt­lich an!

neuer Lkw

Am 1. Okto­ber 1981 über­nahm Jür­gen Sau­er, der schon als Kind sei­nen Vater Heinz Wil­helm Sau­er auf Fern­fahr­ten beglei­te­te, von sei­nem Groß­va­ter Arthur Lun­te den Betrieb. Ob es für die­ses Datum einen beson­de­ren Anlass gab, ist nicht über­lie­fert. Wer nun nach­zählt kommt zu dem Ergeb­nis,  dass nach dem Fir­men­grün­der Johann Lun­te, sei­nem Sohn und Nach­fol­ger Arthur Lun­te und Johanns Enkel­toch­ter Mar­git Sau­er (gebo­re­ne Lun­te) mit Jür­gen Sau­er nun die vier­te Gene­ra­ti­on das Fir­men­ru­der übernahm.

1982 Fuhrpark Lunte & Sauer

Wenn es schwie­rig wur­de im Betrieb, hol­te sich Jür­gen von sei­nem Groß­va­ter ger­ne einen Rat. Aber nur für kur­ze Zeit soll­te er auf den lang­jäh­ri­gen Erfah­rungs­schatz sei­nes Groß­va­ters zurück­grei­fen kön­nen. Nur weni­ge Wochen nach der Betriebs­über­ga­be stürz­te Arthur Lun­te am 27. Novem­ber 1981 im Trep­pen­haus und brach sich einen Ober­schen­kel. Trotz einer Ope­ra­ti­on starb am 5. Dezem­ber 1981 – nur drei Tage vor sei­nem 83. Geburts­tag.FirmenjubilaeumIm Jah­re 1982 konn­te das 75-Jäh­ri­ge Fir­men­ju­bi­lä­um gefei­ert wer­den. Ob sich da schon abzeich­ne­te, dass es zum 80. Geburts­tag kei­ne Fei­er mehr geben wird? Lun­te & Sau­er hat all die Jah­re für die Ame­ri­ka­ner trans­por­tiert und gut an ihnen ver­dient. Gleich­wohl wur­de in den 1980er Jah­ren das Geschäft immer schwie­ri­ger. Mit den Dum­ping­prei­sen der Kon­kur­renz aus Ost­eu­ro­pa konn­ten die drei Last­wa­gen der Spe­di­ti­on Lun­te & Sau­er nicht mithalten.

Vie­le Näch­te beriet sich Jür­gen Sau­er mit sei­ner Frau Bar­ba­ra – es gab kei­nen Aus­weg. Im Jah­re 1986 fiel die Ent­schei­dung die Spe­di­ti­on zu schlie­ßen. Ein Jahr spä­ter wur­den die Trans­port­kon­zes­sio­nen ver­kauft und der Tra­di­ti­ons­be­trieb schloss für immer sei­ne Tore. Jür­gen Sau­er ver­dien­te sei­nen Lebens­un­ter­halt fort­an als Fah­rer bei einem ande­ren Fuhr­un­ter­neh­men.Auguststrasse 18 a, BremerhavenGeblie­ben ist aber das Betriebs­grund­stück mit dem Haus Num­mer 18a in der August­stra­ße in Lehe. An der  Fas­sa­de prangt noch immer das Schild:FirmenschildQuel­len:
Fest­schrift: “75 Jah­re Kraft­ver­kehr Lun­te & Sau­er, 1907 — 1982
W. Ehr­ecke: “In Eng­land falsch abge­bo­gen”, Nord­see-Zei­tung vom 4.11.2013
W. Ehr­ecke: “Cola, Becks und die Wasch­ma­schi­nen”, Nord­see-Ztg. v. 23.1.2015
hansebubeforum.de

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Die H. F. Kist­ner Baugesellschaft

Die H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft wur­de 1853 gegrün­det. Über ein­hun­dert Jah­re war sie so eng mit der See­stadt ver­knüpft, dass sie wohl noch heu­te jeder Bre­mer­ha­ve­ner Bür­ger kennt. Doch wer war der Fir­men­grün­der? Und wer waren sei­ne Nachfolger?

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Als Hein­rich Fried­rich Kist­ner sich im Jah­re 1842 von sei­nem Hei­mat­ort Hud­des­torf an der Mit­tel­we­ser in das erst 15 Jah­re zuvor gegrün­de­te Bre­mer­ha­ven auf­mach­te, war er gera­de mal 16 Jah­re alt. Eigent­lich woll­te er sich in Bre­mer­ha­ven nicht lan­ge auf­hal­ten. Wie vie­le ande­re Men­schen in jenen Jah­ren, so hat­te auch Hein­rich Fried­rich Kist­ner Auswanderungspläne.

Zunächst aber absol­vier­te der 20-Jäh­ri­ge eine Mau­rer­leh­re bei Mau­rer­meis­ter Jacob Eits. Er schloss sei­ne Aus­bil­dung erfolg­reich ab, ver­lob­te sich mit sei­ner Hen­ri­et­te und woll­te nun schnell mit sei­nen bereits bezahl­ten Tickets nach Rich­mond in die USA. Aber die Umstän­de woll­ten es, dass der Paket­seg­ler sich ohne die jun­gen Leu­te auf die Rei­se mach­te – die Aus­steu­er war nicht fer­tig geworden.

Hein­rich Fried­rich Kist­ner blieb in Bre­mer­ha­ven und leg­te mit 27 Jah­ren sei­ne Prü­fung zum Mau­rer­meis­ter ab. Er erkann­te, dass es hier in der auf­stre­ben­den Hafen­stadt für gute Bau­hand­wer­ker genug Arbeit gab. Als die Gemein­de Lehe ihm das Bür­ger­recht ver­lieh, ver­folg­te Hein­rich Fried­rich sei­ne Aus­wan­de­rungs­plä­ne nicht wei­ter und grün­de­te im Jah­re 1853 in der Leher Post­stra­ße  sei­ne Bau­fir­ma H. F. Kistner.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Zu sei­nen ers­ten Arbei­ten gehör­ten Häu­ser, die der Werft­be­sit­zer Cla­sen Rick­mers für sei­ne Arbei­ter und Ange­stell­ten in Auf­trag gab sowie das Pri­vat­haus an der Ecke Deich- und Keil­stra­ße für den Kauf­mann Dani­el Claus­sen. Beson­ders gro­ße Auf­merk­sam­keit hat er mit sei­nen Arbei­ten an der Bür­ger­meis­ter-Smidt-Gedächt­nis-Kir­che auf sich gezo­gen. Man lob­te ihn damals, dass er “auch die gefähr­lichs­ten Arbei­ten an dem schlan­ken Turm mit sei­ner kunst­voll durch­bro­che­nen Spit­ze in Ruhe und Beson­nen­heit aus­ge­führt” hat.

Bald hat­te Mau­rer­meis­ter Kist­ner genü­gend Geld zum Bau eines eige­nen Hau­ses ange­spart. Er erstell­te es auf dem Süd­er­feld an der Post­stra­ße und bezog es im Mai 1860 mit sei­ner Frau Hen­ri­et­te und sei­nem am 12.04.1855 gebo­re­nen ältes­ten Sohn Carl. Am 19.07.1860 wur­de Johann, der zwei­te Sohn, gebo­ren. Hein­rich kam am 17.11.1863 als drit­tes Kind hin­zu. Und im Sep­tem­ber 1865 mach­te schließ­lich Theo­dor das Quar­tett voll.

Im Jah­re 1868 erwarb Mau­rer­meis­ter H. F. Kist­ner das an der Ecke Hafen­stra­ße und der spä­te­ren Kist­ner­stra­ße ste­hen­de Haus mit dem Gelän­de der still­ge­leg­ten Zie­ge­lei von Johann Krü­ger. Er bau­te hier wei­te­re Häu­ser hin, aus denen bald eine neue Stra­ße wur­de, die im Mai 1890 auf­grund eines Magis­trats­be­schlus­ses den Namen “Kist­ner­stra­ße” erhielt.

Hafenstraße 52 um 1870

Schließ­lich erwarb der Betrieb H. F. Kist­ner ein zwi­schen der Hafen­stra­ße und dem Geest­edeich bele­ge­nes Gelän­de. Hier­auf bau­te der Mau­rer­meis­ter das Wohn­haus Hafen­stra­ße 58, in das er im Herbst 1870 mit sei­ner Fami­lie ein­zog und bis zu sei­nem Tode bewohn­te. Das Haus ent­wi­ckel­te sich zum Mit­tel­punkt des Betrie­bes und war noch bis lan­ge nach dem Zei­ten Welt­krieg die Zen­tra­le und das Haupt­kon­tor der H. F. Kist­ner Baugesellschaft.

Kon­se­quen­ter­wei­se ver­leg­te Mau­rer­meis­ter Kist­ner im Jah­re 1870 auch sei­nen Fir­men­sitz hier­her in die süd­li­che Hafen­stra­ße, wo sich bereits ande­re Betrie­be der Bau­bran­che (zum Bei­spiel das Holz­sä­ge­werk W. Rog­ge und die Kalk­bren­ne­rei Wilms) mit ihren Lager­plät­zen ange­sie­delt hat­ten. Der Stand­ort war ide­al — die Hafen­stra­ße und die rück­wär­ti­ge Gees­te boten eine her­vor­ra­gen­de Verkehrsanbindung.

In die­sen Jah­ren hat die Fir­ma Kist­ner das Bre­mer­ha­ve­ner Stadt­bild ent­schei­dend mit­ge­prägt. Vie­le Kist­ner­bau­ten erkennt man an den mit tief­ro­ten Zie­geln ver­blen­de­ten Häu­ser­fas­sa­den. Bei­spie­le hier­für sind die Kaser­ne der Matro­sen-Artil­le­rie von 1886 – 1887 und die bei­den Häu­ser an der Hafen­stra­ße Ecke Kist­ner­stra­ße. Auch an dem Aus­bau des Geschäfts- und Wohn­vier­tels an der Kai­ser­stra­ße (heu­ti­ge “alte Bür­ger”) hat­te die H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft einen erheb­li­chen Anteil.

Blick von der Hafenstraße in die Kistnerstraße

Auch die Luthe­ri­sche Kreuz­kir­che, die Koch­sche Töch­ter­schu­le, das Mari­en­bad und das Gym­ny­si­um an der Pra­ger Stra­ße (frü­her Grü­ne Stra­ße) gehört zu den vie­len ande­ren Bau­ten, an denen die Fir­ma H. F. Kist­ner vor der Wen­de vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert gear­bei­tet hat und die von der Leis­tungs­kraft der H. F. Bau­ge­sell­schaft Zeug­nis ablegten.

Auch die Kreuz­kir­che, das Hafen­haus, das spä­te­re Stadt­haus, ver­schie­de­ne Was­ser­tür­me, die gro­ße Maschi­nen­hal­le des Nord­deut­schen Lloyd, die Leucht­tür­me “Mey­ers Leg­de” und “Evers Sand”, der Aus­bau des Fische­rei­ha­fens in den Jah­ren 1891 bis 1896 und die Erwei­te­rung des Kai­ser­ha­fens mit der Kai­ser­schleu­se in den Jah­ren 1892 bis 1897 blei­ben auf immer mit dem Namen H. F. Kist­ner verbunden.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Spä­ter als ande­re Unter­neh­mer, die in die­sen Jah­ren schon in ihren statt­li­chen Vil­len an der Hafen­stra­ße wohn­ten, errich­te­te Johann Kist­ner sei­ne heu­te denk­mal­ge­schütz­te Vil­la. Sie wur­de erst im Jah­re 1897 nah an H. F. Kist­ners Lager­platz an der Gees­te gebaut und erhielt die Anschrift “Hafen­stra­ße 50” zuge­teilt. Das prunk­vol­le Gebäu­de mit sei­ner reich ver­zier­ten Fas­sa­de ließ kei­nen Zwei­fel auf­kom­men: Dies ist das Domi­zil eines über­aus erfolg­rei­chen Geschäftsmannes.

16_Hafenstraße 60

Carl Kist­ner indes­sen war Eigen­tü­mer des an der Hafen­stra­ße 60 Ecke Werft­stra­ße bele­ge­nem reprä­sen­ta­ti­ven Wohn­hau­ses. Eine der Woh­nun­gen   war an den Werft­di­rek­tor Max Rind­fleisch, von 1910 bis zu sei­nem Tode 1930 Lei­ter der Schich­au Unter­we­ser AG, ver­mie­tet.  Nach dem Tode von Carl Kist­ner im Jah­re 1918 ging das Gebäu­de zeit­wei­se in den Besitz der Schich­au Unter­we­ser AG über. Wei­te­re lei­ten­de Werft­an­ge­stell­te fan­den in dem Haus eine Woh­nung. Ende der 1960er Jah­re wur­de es abge­ris­sen. Auf dem Grund­stück ent­stand der neue Kistner-Baumarkt.

Patentschrift Kalksandstein

Die Indus­tria­li­sie­rung im 19. Jahr­hun­dert brach­te rie­si­ge Bau­auf­ga­ben mit sich. So war es nicht ver­wun­der­lich, dass man danach such­te, wie man Stei­ne aus Kalk­mör­tel her­stel­len kann.  Schon im Jah­re 1854 press­te der deut­sche Arzt und Natur­wis­sen­schaft­ler Dr. Anton Bern­har­di mit einer höl­zer­nen Hebel­pres­se den ers­ten gehär­te­ten Kalk­mör­tel­stein. Aber die Stei­ne waren nicht fest genug. Es soll­te noch eini­ge Jah­re dau­ern, bis der Bau­stoff­che­mi­ker Dr. Wil­helm Michae­lis im Jah­re 1880 den ers­ten brauch­ba­ren Kalk­sand­stein her­stel­len konn­te. Nun woll­te man die Kalk­sand­stei­ne indus­tri­ell in gro­ßen Men­gen her­stel­len. 1894 wur­de im schles­wig-hol­stei­ni­schen Neu­müns­ter eine aus Eng­land impor­tier­te Pres­se auf­ge­stellt, die drei Arbeits­gän­ge — Fül­len, Pres­sen und Aus­sto­ßen – selb­stän­dig aus­führ­te. Es war der Beginn der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on des Kalk­sand­stei­nes, der sich nun in ganz Deutsch­land als neu­er Bau­stoff eta­blier­te. In den Jah­ren 1898 und 1899 nah­men wei­te­re Wer­ke in Deutsch­land – und damit welt­weit – ihre Arbeit auf.

Briefkopf der Firma H. F. Kistener

Auch H. F. Kist­ner erkann­te die neu­en Mög­lich­kei­ten, die der Kalk­sand­stein bot. Nach­dem er im Jah­re 1895 sei­ne Bau­fir­ma um eine Bau­stoff­hand­lung erwei­ter­te, erwarb er im Jah­re 1904 fol­ge­rich­tig eine Lizenz, um selbst Kalk­sand­stei­ne her­stel­len zu dür­fen. Das soll­te ihn unab­hän­gig von frem­den Lie­fe­ran­ten machen. Die Hart­stein­pres­se und den Dampf­druck­be­häl­ter bestell­ten die Fir­men­in­ha­ber Carl und Hein­rich Kist­ner bei der Maschi­nen­fa­brik Franz Kom­nick in der ost­preu­ßi­schen Han­se­stadt Elbing.

Produktionsprozess im Kalksandsteinwerk

Im glei­chen Jahr ver­kauf­te der Leher Magis­trat an die Fir­ma Kist­ner einen Teil des kom­mu­na­len Lade- und Lösch­plat­zes. Die­ser Platz wur­de erst im Jahr zuvor zwi­schen der Gees­te und der damals bereits aus­ge­bau­ten Werft­stra­ße ange­legt. Er erstreck­te sich von der Aue­mün­dung im Osten und wur­de im Wes­ten vom Grund­stück der Fir­ma Kist­ner begrenzt. Auf die­sem Platz errich­te­te die Fir­ma Kist­ner in den Jah­ren 1903 und 1904 ein Kalk­sand­stein­werk. Die Kapa­zi­tä­ten des Wer­kes waren groß genug, um über den eige­nen Bedarf hin­aus auch die Nach­fra­ge der ande­ren in den Unter­we­ser­or­ten ansäs­si­gen Bau­un­ter­neh­mun­gen zu befriedigen.

Zu jenem Zeit­punkt war der Kalk­sand­stein noch kein von den Bau­ord­nungs­äm­tern aner­kann­tes Bau­ma­te­ri­al. Obwohl Kalk­sand­stei­ne inner­halb einer ver­hält­nis­mä­ßig kur­zen Zeit eine gro­ße Ver­brei­tung gefun­den haben, hat­te man über die Eigen­schaf­ten nur weni­ge oder zum Teil sogar fal­sche Infor­ma­tio­nen. Mit dem Bau­we­sen befass­te Unter­neh­men rich­te­ten an das König­li­che Mate­ri­al­prü­fungs­amt den Wunsch, die Ergeb­nis­se von Kalk­sand­stein­prü­fun­gen zu ver­öf­fent­li­chen und umfas­sen­de Aus­künf­te über die bau­tech­ni­schen Eigen­schaf­ten der Kalk­sand­stei­ne zu ertei­len. So erschien im Jah­re 1908 das Buch “Die Prü­fung und die Eigen­schaf­ten der Kalk­sand­stei­ne”.

Prüfung und Eigenschaften der Kalksandsteine

Das Zen­tral­blatt der Bau­ver­wal­tung berich­te­te  in sei­ner Aus­ga­be Nr. 24 unter der Rubrik “Ver­samm­lung der Ver­ei­ne im Bau­stoff­ge­wer­be” unter ande­rem über die in der Zeit vom 1. bis 12. März 1909 statt­ge­fun­de­ne  Jah­res­haupt­ver­samm­lung des Ver­eins der Kalk­sand­stein­fa­bri­ken. Auf die­ser Ver­samm­lung sei leb­haft über die Angrif­fe geklagt wor­den, die der Kalk­sand­stein von den Zie­ge­lei­be­sit­zern erdul­den muss­te. In meh­re­ren  Fäl­len  habe der  Ver­ein  zur  gericht­li­chen  Kla­ge  schrei­ten müs­sen  und  hier­bei obsie­gen­de  Urtei­le  erzielt.

Verein Kalksandsteinfabriken

Aber H. F. Kist­ner ließ sich nicht beir­ren. Er erkann­te als einer der ers­ten Bau­un­ter­neh­mer an der Unter­we­ser das gro­ße Poten­ti­al die­ses noch rela­tiv jun­gen Bau­stof­fes. Sein Bau­ge­schäft gehör­te zu der Grün­dungs­ge­nera­ti­on der Kalk­sand­stein­in­dus­trie in Deutsch­land. Im Jah­re 1905 gab es in Deutsch­land bereits 209 Kalk­sand­stein­wer­ke, die jähr­lich mehr als eine Mil­li­ar­de Kalk­sand­stei­ne produzierten.

Aller­dings lohn­te sich der Ver­trieb der Stei­ne nur in einem regio­nal begrenz­ten Umfeld einer Fabrik, da die Kos­ten für wei­te Trans­por­te zu hoch waren. So lagen die Fabri­ken über ganz Deutsch­land ver­streut. In Lehe pro­du­zier­te das Bau­ge­schäft H. F. Kist­ner die Kalk­sand­stei­ne. Jähr­lich ver­lie­ßen bis zu 20 Mil­lio­nen Stei­ne  die Fabrik und wur­den in die gesam­te Unter­we­ser­re­gi­on ausgeliefert.

Flussschiffer an der Geestekaje

Den für die Her­stel­lung der Kalk­sand­stei­ne erfor­der­li­chen Sand brach­ten Fluss­schif­fer her­bei. In den Anfangs­jah­ren wur­de als Lösch­platz ein­fach die Ufer­bö­schung benutzt. Spä­ter wur­de unmit­tel­bar neben der Fabrik eine Kaje gebaut. An der wur­de der aus Sand­stedt her­bei­ge­schaff­te Weser­sand per Kran aus dem Schiff gelöscht. Etwa ab 1985 wur­de sämt­li­ches Mate­ri­al per Lkw ange­lie­fert – seit­her ist der Schiffs­an­le­ger ver­waist und auch an der Gees­te die Zeit der Fluss­schif­fer vorbei.

Bremerhaven, Hafenstrasse 44 - 48

Bei der Pro­duk­ti­on der Kalk­sand­stei­ne zeig­te sich die gan­ze Krea­ti­vi­tät des Bau­ge­schäf­tes H. F. Kist­ner. Nach­dem der Nach­bar­be­trieb der Fir­ma Rog­ge in Flam­men auf­ging, sie­del­te die Fir­ma Rog­ge nach Bre­mer­ha­ven um. Wie­der nutz­te die Fir­ma Kist­ner die Gunst der Stun­de und über­nahm einen gro­ßen Teil des Rog­ge­ge­län­des. Wer­be­wirk­sam bebau­te die Fir­ma Kist­ner in den Jah­ren 1905 und 1906 die Grund­stü­cke Hafen­stra­ße 44 – 48 mit Häu­sern voll­stän­dig aus Kalk­sand­stein und las­te­te damit gleich­zei­tig die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten des Unter­neh­mens aus.

Hinrich-Schmalfeld-Straße, Bremerhaven

In der Fol­ge­zeit bau­te die Fir­ma Kist­ner wei­te­re Kalk­sand­stein­häu­ser. Oft­mals wur­den die Fas­sa­den nicht mehr ver­putzt, son­dern mit roten, gel­ben oder auch blau ein­ge­färb­ten Stei­nen gemau­ert, etwa bei einem Sei­ten­flü­gel des Leher Amts­ge­richts und beim Neu­bau der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Geest­e­mün­de. Immer bestrebt, den Kalk­sand­stein an der Unter­we­ser zu eta­blie­ren, errich­te­te die Fir­ma H. F. Kist­ner wei­te­re archi­tek­to­nisch reprä­sen­ta­ti­ve Bau­ten. In der Gil­de­meis­ter­stra­ße ent­stan­den moder­ne Vil­len aus Kalk­sand­stein und in der Hin­rich-Schmal­feld-Stra­ße wur­de für den Beam­ten- Bau- und Woh­nungs­ver­ein zu Lehe eine gro­ße Wohn­an­la­ge mit die­sem neu­en Bau­ma­te­ri­al gemauert.

Bremerhaven, Hafenstrasse 57

Im Jah­re 1908 errich­te­te die Fir­ma H. F. Kist­ner das Wohn- und Geschäfts­haus Hafen­stra­ße 174 (heu­te: 57) ganz aus Kalk­sand­stein. Am 12. August 1911 brach im Dach­stuhl des Hau­ses ein Feu­er aus, das die Feu­er­wehr aber schnell unter Kon­trol­le bekam und auf den Dach­stuhl begren­zen konn­te. Gleich­wohl wuss­te die Fir­ma Kist­ner den Brand wer­be­wirk­sam zu ver­mark­ten. Noch elf Jah­re spä­ter — im Jah­re 1922 — wur­de in einer Wer­be­an­zei­ge an das Feu­er erin­nert mit dem Hin­weis, dass sämt­li­che aus Kalk­sand­stein gemau­er­ten Gie­bel und Schorn­stei­ne der Hit­ze und der Was­ser­be­strah­lung stand­ge­hal­ten haben.

Fachzeitschrift H. F. Kistner, Baugeschäft

Im Jah­re 1903 konn­te die Fir­ma Kist­ner ihr 50-jäh­ri­ges Betriebs­ju­bi­lä­um fei­ern, und Hein­rich Fried­rich Kist­ner zog sich auf das Alten­teil zurück. 1905 wur­de die als offe­ne Han­dels­ge­sell­schaft ein­ge­tra­ge­ne Fir­ma in eine GmbH umge­wan­delt. Der Fir­men­na­me lau­te­te nun für eine Wei­le “H. F. Kist­ner Bau­ge­schäft G.m.b.H.” und wur­de spä­ter in “H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft” geän­dert. Als Hein­rich Fried­rich Kist­ner im Jah­re 1907 im 81. Lebens­jahr starb, über­nah­men die Söh­ne Carl und Hein­rich die Füh­rung der GmbH.

Wie sein Vater hat­te auch Carl eine Aus­bil­dung zum Mau­rer absol­viert und sei­ne Kennt­nis­se auf der Nien­bur­ger Bau­ge­wer­be­schu­le ver­tieft. Als Hos­pi­tant hat er sich auf der Tech­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver wei­ter qua­li­fi­ziert. Von 1908 bis 1910 beklei­de­te Carl Kist­ner den Pos­ten des Vor­sit­zen­den des am 10.12.1900 in Ber­lin gegrün­de­ten Haupt­ver­ban­des der Kalk­sand­stein­in­dus­trie. Hein­rich erlern­te eben­falls das Mau­rer­hand­werk und ging nach Bux­te­hu­de, um auf der dor­ti­gen Bau­ge­werk­schu­le zu stu­die­ren. Sein Spe­zi­al­ge­biet wur­de der Tiefbau.

Wenn auch das Kistner’sche Kalk­sand­stein­werk flo­rier­te, so blieb doch das Bau­hand­werk der Haupt­ge­schäfts­zweig des Unter­neh­mens. An der Unter­we­ser war die Fir­ma Kist­ner das ers­te Unter­neh­men, das sich mit mit dem Eisen­be­ton­bau befass­te. Zwi­schen 1914 und 1918 lie­fer­te H. F. Kist­ner respek­ta­ble Arbei­ten ab:  Neben der Neu­an­la­ge von Bahn­kör­pern, Bahn­hö­fen und Unter­füh­run­gen in Lehe und Geest­e­mün­de konn­te H. F. Kist­ner auch an sei­ne Arbei­ten am Kran­ken­haus Lehe, am Schlacht- und Vieh­hof, an die Beton­ar­bei­ten des Gas­wer­kes Bre­mer­ha­ven und an die Neu­bau­ten des Leher Gerichts­ge­bäu­des, des Post­ge­bäu­des und des Spar­kas­sen­ge­bäu­des verweisen.

Leher Sparkassengebäude der Weser-Elbe-Sparkasse

Am 12. Novem­ber 1918 starb Carl Kist­ner. Sein Bru­der Hein­rich führ­te das Unter­neh­men fort­an allei­ne wei­ter. Die durch die Kriegs­fi­nan­zie­rung aus­ge­lös­te Gro­ße Infla­ti­on, die im Jah­re 1923 in eine Hyper­in­fla­ti­on mün­de­te, sorg­te für einen Zusam­men­bruch der deut­schen Wirt­schaft und des Ban­ken­sys­tems. 1921 streik­ten in Bre­mer­ha­ven, Geest­e­mün­de und Lehe 1.400 Arbei­ter in 131 Betrie­ben acht Wochen lang für einen höhe­ren Lohn. 1924 streik­ten in den Unter­we­ser­städ­ten die Bau­ar­bei­ter fast aller Betrie­be sie­ben Wochen lang für mehr Lohn. Erst ab Ein­füh­rung der Ren­ten­mark im Novem­ber 1923 wur­den wie­der geord­ne­te Kal­ku­la­tio­nen mög­lich, und das Bau­un­ter­neh­men konn­te zu einer geord­ne­ten Bau­tä­tig­keit übergehen.

In den fol­gen­den Jah­ren bau­te Kist­ner für die Stadt Wohn­bau­ten, die Poli­zei­ka­ser­ne an der Kai­ser­stra­ße und Fun­da­men­te für die neu­en Kran­bah­nen beim Schup­pen G am Kai­ser­ha­fen. Für die nörd­li­chen Kai­ser­hä­fen wur­den Schup­pen und Kajen erstellt. Auch die Grün­dungs- und Eisen­be­ton­ar­bei­ten für das Haupt­ge­bäu­de der AOK und den Bau des Wohn­was­ser­tur­mes in Wuls­dorf  führ­te die Fir­ma Kist­ner aus.

Wohnwasserturm Wulsdorf

Im Jah­re 1924 gaben sich die Städ­te Lehe und Geest­e­mün­de das “Jawort”. Sie führ­ten nun den gemein­sam Namen Weser­mün­de. Im glei­chen Jahr began­nen auch die Bau­ar­bei­ten am Colum­bus­bahn­hof und der dazu­ge­hö­ri­gen Colum­bus­ka­je, an denen die Fir­ma Kist­ner eben­falls maß­geb­lich betei­ligt war. Anschlie­ßend enga­gier­te sich die Fir­ma Kist­ner beim Bau der Anla­ge der gro­ßen Ölbun­ker der Deutsch-Ame­ri­ka­ni­schen Petro­le­um­ge­sell­schaft. Es folg­te die Betei­li­gung am Bau der rie­si­gen Nord­schleu­se, die für die tur­bi­nen­ge­trie­be­nen Schif­fe des Nord­deut­schen Lloyd “Bre­men” und “Euro­pa” gebaut wur­de. Die Grund­stein­le­gung erfolg­te am 3. Mai 1929.

Hafenstraße mit Kaufhaus Ramelow

Als der Nord­deut­sche Lloyd sei­nen Tech­ni­schen Betrieb vom Neu­en Hafen zu den bei­den Kai­ser­docks ver­leg­te, war die Fir­ma Kist­ner wie­der dabei. In den Jah­ren 1934 bis 1936 wur­den eine Kup­fer­schmie­de, eine Schlos­se­rei und Maschi­nen­werk­statt, Lager­schup­pen und Pro­vi­ant­la­ger gebaut. Aber auch aus der Pri­vat­wirt­schaft kamen zahl­rei­che Auf­trä­ge, dar­un­ter das Kauf­haus Rame­low und die Fär­be­rei- und Rei­ni­gungs­an­stalt Mäkler.

In die­ser Pha­se der Pro­spe­ri­tät hat­te der Kist­ner­sche Betrieb einen schwe­ren Ver­lust zu ver­kraf­ten: Am Abend des 19. Dezem­ber 1937 starb Hein­rich Kist­ner, der das Unter­neh­men seit dem Tode sei­nes Bru­ders Carl allei­ne führ­te. “Hei­ni-Meis­ter”, wie ihn vie­le Bre­mer­ha­ve­ner nann­ten, hat in der von sei­nem Vater gegrün­de­ten Fir­ma mehr als 50 Jah­re sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen. Hein­rich Kist­ners  Tod been­de­te die zwei­te Gene­ra­ti­on der H. F. Kist­ner Baugesellschaft.

Es wäre jetzt an dem am 13. Febru­ar 1919 gebo­re­nen Sohn Hein­rich Fried­rich Kist­ner gewe­sen, das Ruder in der Fir­ma zu über­neh­men. Er hat­te bereits sei­ne Gesel­len­prü­fung im Mau­rer­hand­werk erfolg­reich abge­legt und befand sich mit­ten im Stu­di­um zum Bau­in­ge­nieur. Dann aber brach der Zwei­te Welt­krieg aus, und  Hein­rich Fried­rich Kist­ner geriet in rus­si­sche Gefangenschaft.

US-Hospital in Bremerhaven

In den Kriegs­jah­ren beschäf­tig­te die Fir­ma H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft gut 2.000 Men­schen. Das Unter­neh­men bau­te in die­ser Zeit ein Mari­ne­la­za­rett, errich­te­te Bun­ker jeder Art und erstell­te in Mit­tel­deutsch­land, in Ost­fries­land, am West­wall und in Ost­eu­ro­pa Industrie‑, Wehr- und Bahnbauten.

Im Zwei­ten Welt­krieg brann­te die Kalk­sand­stein­fa­brik nach einem Bom­ben­an­griff im Sep­tem­ber 1944 aus, ist jedoch zu ins­ge­samt 80 % erhal­ten geblie­ben.  Im Som­mer 1947 wur­de Hein­rich Fried­rich Kist­ner aus der Gefan­gen­schaft ent­las­sen. Er trat sein Erbe an und wur­de Lei­ter der Baugesellschaft.

Beräumungsarbeiten Kalksandsteinwerk

Unter frei­wil­li­ger unent­gelt­li­cher Mit­hil­fe der Ange­stell­ten wur­den die Auf­räu­mungs­ar­bei­ten in gro­ßer Eile durch­ge­führt. So konn­te bereits im März 1948 mit dem Wie­der­auf­bau der Fabrik begon­nen wer­den. Bei den Bau­ar­bei­ten wur­de  der Schorn­stein, der sich bereits vor dem Krieg bedroh­lich geneigt hat­te, weit­ge­hend erneu­ert. Damit die Nach­bar­schaft “weder durch Rauch noch durch sonst irgend­wel­che Gerü­che” (Bau­ak­te) beläs­tigt wür­de, wur­de der aus Kalk­sand­stein gemau­er­te acht­ecki­ge Schlot auf 40 Meter erhöht.

20_Kalksandsteinwerk

Im März 1949 waren die Arbei­ten abge­schlos­sen. Da die Pres­se beim Bom­ben­an­griff nicht zer­stört wur­de, konn­te die Pro­duk­ti­on nun wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Drei Mann stell­ten nun täg­lich 10 Stun­den an sechs Wochen­ta­gen Kalk­sand­stei­ne her. Stein für Stein wur­den sie auf Loren gesta­pelt und in einen der sechs Här­te­kes­sel gefah­ren. In dem Kes­sel blie­ben sie etwa acht Stun­den und wur­den unter sehr hohem Druck mit Was­ser­dampf gehär­tet. Danach wur­den die Loren aus dem hei­ßen Kes­sel geholt und ins Frei­la­ger gefah­ren. Dort kühl­te das strah­lend wei­ße Bau­ma­te­ri­al ab. 70 bis 80 Pro­zent der Bre­mer­ha­ve­ner Gebäu­de wur­den nach dem Krieg mit Stei­nen aus der Kalk­sand­stein­fa­brik Kist­ner gebaut.

Brennöfen Kalksandsteinwerk

Mit sei­ner expan­die­ren­den Fir­ma hat­te Hein­rich Fried­rich Kist­ner in der Nach­kriegs­zeit erheb­lich zum Wie­der­auf­bau Bre­mer­ha­vens bei­getra­gen. Eine Men­ge Arbeit war­te­te auf die zeit­wei­se 700 Mit­ar­bei­ter, die Kist­ner in sei­nem Unter­neh­mens­ver­bund beschäf­tig­te: Auf­bau­ar­bei­ten für die pri­va­te Fisch­in­dus­trie, die Hal­len III, IX, XI und XIV im Fische­rei­ha­fen muss­ten wie­der auf­ge­baut wer­den, in Gemein­schafts­ar­beit wur­den neue Fahr­gast­an­la­gen für den Colum­bus­bahn­hof errich­tet und die hei­mi­sche Werft­in­dus­trie war­te­te auf den Wie­der­auf­bau und auf Erweiterungsbauten.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Auch im Wohn- und Geschäfts­haus­bau ging es wie­der auf­wärts: An die Ecke der Bür­ger­meis­ter-Smidt-Stra­ße zur Lloyd­stra­ße wur­de ein Gebäu­de für J. Hein­rich Kra­mer gestellt und für die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft der Flie­ger­ge­schä­dig­ten bau­te Kist­ner eben­so Häu­ser wie für den Bau- und Spar­ver­ein der Ost­ver­trie­be­nen und für die Städ­ti­sche Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft. Auch die Geschäfts­häu­ser von Schütz, W. Schul­te, Bai­er-Thees, J. War­rings, E. A. Mäk­ler, dem Kauf­haus Mer­kur, Pohl & Schrö­der, Joh. Krie­te, Georg Diek­mann, dem Hotel Naber und der Gast­stät­te Schlin­ker tra­gen die Hand­schrift des Bau­ge­schäf­tes Kist­ner. Wei­ter­hin müs­sen die Gebäu­de des Nor­west­deut­schen Ver­la­ges, der Städ­ti­schen Spar­kas­se in Geest­e­mün­de und Bre­mer­ha­ven und der Neu­bau von Wohn­blö­cken für die Nie­der­säch­si­sche Heim­stät­te, des Schiffs­jun­gen­heims, eines Mäd­chen­wohn­hei­mes, eines Kin­der­gar­tens in der Deich­stra­ße und das Gemein­de­haus in Leher­hei­de erwähnt wer­den. Schließ­lich war das Bau­ge­schäft Kist­ner auch am Wie­der­auf­bau des Stadt­thea­ters, der Bür­ger­meis­ter-Smidt-Schu­le, am Neu­bau  eines Hal­len­schwimm­ba­des und am Bau eines 14-stö­cki­gen Hoch­haus beteiligt.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Hein­rich Fried­rich Kist­ner, der die Lei­tung des Fami­li­en­be­trie­bes ja in sehr jun­gen Jah­ren über­nom­men hat, hat sich von Anfang an um eine betrieb­li­che Sozi­al­ord­nung bemüht. Im Jah­re 1955 erschien sein Buch “Hoher Lohn allein tut es nicht”, in dem er sei­ne Vor­stel­lun­gen einer part­ner­schaft­li­chen Zusam­men­ar­beit mit sei­nen Mit­ar­bei­tern dar­ge­legt hat: “Mei­ne Auf­fas­sung war des­halb die, daß jeder mehr ver­die­nen müs­se, wenn er die betrieb­li­chen Auf­ga­ben in der Betriebs­ge­mein­schaft mit zu lösen ver­such­te, wenn er als Mit­den­ker und Mit­wir­ken­der mit sei­nem bes­ten Wil­len und Kön­nen in auf­ge­schlos­se­ner Wei­se am betrieb­li­chen Gesche­hen aktiv teil­neh­men würde”. 

Ihm war durch sei­ne in der sowje­ti­schen Gefan­gen­schaft gemach­ten Erfah­run­gen klar, dass es ohne Aner­ken­nung der Men­schen­wür­de kei­ne sozia­le Gerech­tig­keit geben kann. So führ­te Hein­rich Fried­rich Kist­ner schon in den 1950er Jah­ren in sei­nem Unter­neh­men eine Leis­tungs­ge­winn­be­tei­li­gung ein. Der Gewinn wur­de monat­lich aus­ge­schüt­tet. Unter den Mit­ar­bei­tern fand der Part­ner­schafts­plan eine gro­ße Zustimmung.

In den 1960er Jah­ren haben Umbau­ten und Moder­ni­sie­run­gen das Äuße­re der Fabrik ver­än­dert. Dazu zähl­te beson­ders der Umbau des Kalk­si­los im Jah­re 1962 und die Anbau­ten zur Hafenstraße.

Den lang­sa­men Nie­der­gang des Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men hat Hein­rich Fried­rich Kist­ner nicht mehr erlebt. Er starb am 3. März 1990. Mit sei­nem Tode ging die Fir­men­lei­tung auf sei­nen Sohn über, der tra­di­ti­ons­ge­mäß auch den Namen Hein­rich Fried­rich Kist­ner trägt. An ihm war es nun, das Schiff, die H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft, durch das unru­hig gewor­de­ne Fahr­was­ser zu steuern.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Weil das Bau­ge­wer­be nach immer grö­ße­ren Kalk­sand­stei­nen ver­lang­te, inves­tier­te das Unter­neh­men in den 1990er Jah­ren rund zwei Mil­lio­nen Mark. So wur­de im März 1992 die 70 Jah­re alte Hand­pres­se (“alter Opa” genannt) aus­ge­mus­tert und zwei neue, halb­au­to­ma­ti­sche Pres­sen ange­schafft. Beim Ein­bau tauf­te Hein­rich Fried­rich Kist­ner die neu­en Pres­sen auf die Namen “Hei­ni” und “Fidi”. Der erfor­der­li­che Dampf, der mit sehr hohem Druck in das Kalk­sand­stein­ge­misch gepresst wur­de, wur­de fort­an nicht mehr mit Koh­le son­dern mit Schwer­öl und Gas erzeugt. Nun hat­te der weit­hin sicht­ba­re Fabrik­schorn­stein sei­ne Funk­ti­on ver­lo­ren Gleich­wohl wur­de er nicht abge­ris­sen. Als sicht­ba­res Erken­nungs­zei­chen der Fir­ma Kist­ner ließ man ihn ste­hen, und so blieb er bis heu­te erhalten.

Bürgermeister-Smidt-Straße Ecke Schifferstraße

Aber trotz der hohen Inves­ti­tio­nen war der Nie­der­gang der Kalk­sand­stein­fa­brik nicht mehr auf­zu­hal­ten. Die Bau­bran­che ver­lang­te nach immer grö­ße­ren For­ma­ten. Zu deren Her­stel­lung wären aber­mals erheb­li­che Inves­ti­tio­nen in den gesam­ten Maschi­nen­park erfor­der­lich gewe­sen. Der der­zei­ti­ge Stand­ort an der Gees­te hat aber längst sei­ne ehe­ma­li­ge Attrak­ti­vi­tät ver­lo­ren. Das Gelän­de war nicht groß genug, um neue Inves­ti­tio­nen auf­zu­neh­men. Man hät­te sich also zusätz­lich nach einem neu­en Stand­ort umse­hen müs­sen. Dabei wur­de die bereits vor­han­de­ne Kapa­zi­tät von 30 Mil­lio­nen Stei­nen im Jahr schon seit Jah­ren nicht mehr aus­ge­schöpft. So wur­den im Jahr 1999 wur­den nur noch fünf Mil­lio­nen Stei­ne aus­ge­lie­fert. Die Geschäfts­füh­rung ver­ein­bar­te mit den letz­ten fünf Pro­duk­ti­ons­mit­ar­bei­tern eine Auf­he­bung der Arbeits­ver­trä­ge und leg­te die Kalk­sand­stein­fa­brik am 31.03.2000 still.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Die Kalk­sand­stein­fa­brik war der letz­te Indus­trie­be­trieb an der Gees­te, in dem jahr­zehn­te­lang über 60 Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt waren – teil­wei­se sogar im Drei-Schicht-Betrieb. Zurück blie­ben nur noch die Erin­ne­run­gen der dama­li­gen Anwoh­ner. So schrieb mir Gün­ter, dass “ein herr­li­chen Duft in der Luft lag… wenn Kist­ner neben­an sei­ne Stei­ne brann­te, eine wun­der­schö­ne Erin­ne­rung für mich, ich habe die­sen Duft noch in der Nase! Ich weiß aller­dings nicht, ob ich jetzt wirk­lich objek­tiv bin, oder ob es nicht viel­leicht auch ein­fach die­se wun­der­schö­ne Erin­ne­rung des Moments war, denn irgend­wie habe ich auch im Hin­ter­kopf die Erin­ne­rung, dass eini­ge die­sen für mich wun­der­schö­nen Duft einen fürch­ter­li­chen Gestank nann­ten! Es ist zu lan­ge her, 1954 bin ich gebo­ren, es wird also ver­mut­lich um die 1960 gewe­sen sein.”

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Nach der Schlie­ßung der Kalk­sand­stein­fa­brik hat die Stadt das Betriebs­ge­län­de im Jah­re 2002 für 1,74 Mil­lio­nen Euro erwor­ben. Das Bau­ge­schäft und der auf dem Kist­ner­ge­län­de ste­hen­de Hob­by­markt wur­den wei­ter betrie­ben. Doch auch der Hob­by­markt hat­te kei­ne Zukunft. In Bre­mer­ha­ven eröff­ne­ten immer grö­ße­re Bau­märk­te. Die Kon­kur­renz um die Kun­den wur­de erdrü­ckend. Im Jah­re 2002 muss­te auch Kist­ners Hob­by­markt auf­ge­ben, und ein Jahr spä­ter schloss der zunächst wei­ter betrie­be­ne Baustoffhandel.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Das Kern­un­ter­neh­men konn­te sich noch bis zum Jah­re 2005 auf dem Markt behaup­ten. Doch schließ­lich soll­te ein rui­nö­ser Wett­be­werb auf dem Bau die  H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft in die Knie zwin­gen. Lan­ge 150 Jah­re präg­te die H. F. Kist­ner Bau­ge­sell­schaft das Bau­ge­sche­hen an der Unter­we­ser. In den Anfangs­jah­ren im Miets­haus­bau, spä­ter auch im Hoch- und Tief­bau. Es gibt wohl kein ande­res Unter­neh­men, das an der bau­li­chen Ent­wick­lung Bre­mer­ha­vens einen ähn­li­chen Anteil hatte.

Seit dem Jah­re 2005 sucht die städ­ti­sche Wirt­schafts­för­de­rung BIS ver­geb­lich einen Käu­fer für das brach lie­gen­de Kist­ner-Gelän­de. Bis auf weni­ge Aus­nah­men sind die dar­auf ste­hen­den Gebäu­de dem Ver­fall preis­ge­ge­ben, unter ande­rem auch die gro­ße stüt­zen­freie Ton­nen­dach­hal­le des ehe­ma­li­gen Pres­sen­hau­ses. Das Lan­des­denk­mal­amt hat in sei­ner Stel­lung­nah­me vom August 2009 die Ton­nen­hal­le als ein kon­struk­ti­ons­ge­schicht­lich inter­es­san­tes Gebäu­de bezeichnet.

Immer wie­der berich­te­ten die Nord­see-Zei­tung und das Sonn­tags­jour­nal von neu­en Ideen zur Nut­zung des Grund­stü­ckes. Wer in den Archi­ven der Zei­tun­gen blät­tert, fin­det, begin­nend im Jah­re 2000, wohl an die 40 Arti­kel. Aber nicht einer der bis­her vor­ge­stell­ten Plä­ne wur­de rea­li­siert. Auch die in Work­shops und Arbeits­grup­pen des Bür­ger­ver­eins und der Stadt­teil­kon­fe­renz Lehe ent­wi­ckel­ten Kon­zep­te und Ideen sol­len bei den ver­ant­wort­li­chen Poli­ti­kern kein Gehör gefun­den haben.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Viel­mehr sind sich die Bre­mer­ha­ve­ner Poli­ti­ker von SPD und CDU wohl einig, die unter Denk­mal­schutz ste­hen­de Ton­nen­dach­hal­le abzu­rei­ßen. Bleibt die Hoff­nung, dass der Lan­des­denk­mal­pfle­ger die­ses ein­ma­li­ge Indus­trie­denk­mal dau­er­haft zu schüt­zen weiß. Dazu gehört auch, zu ver­hin­dern, dass man die Hal­le mit dem gewölb­ten Dach ein­fach dem Ver­fall preis­gibt und so Tat­sa­chen schafft.

Die jün­ge­ren Poli­ti­ker wer­den die Geschich­te des Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­mens H. F. Kist­ner mög­li­cher­wei­se nicht ken­nen. Es wäre schön, wenn die­ser Arti­kel die Ver­ant­wort­li­chen in Ver­wal­tung und Poli­tik wach­rüt­telt und vor Augen führt, wel­ches his­to­ri­sche Klein­od sie ver­nich­ten möch­ten. Schließ­lich hat­te die Leher Gemein­de den Fir­men­grün­der H. F. Kist­ner im August 1853 als voll­wer­ti­gen Bür­ger in ihrer Mit­te auf­ge­nom­men. Im Mai 1890, als Magis­trat und Bür­ger­vor­ste­her-Kol­le­gi­um beschlos­sen, die Stra­ße an der Mei­de mit sei­nem Namen zu bezeich­nen, wur­de ihm erneut höchs­te Ehrung erwiesen.

Ich bedan­ke mich ganz herz­lich bei allen, die mich beim Schrei­ben die­ses Arti­kels unter­stützt haben. Einen beson­de­ren Dank an Herrn Kist­ner, der mir erlaubt hat, das Bild des Fir­men­grün­ders mit sei­ner Ehe­frau hier zu ver­öf­fent­li­chen, an Sabi­ne Funk und Horst-Die­ter Brink­mann für die ein­ge­reich­ten Bil­der, an Jür­gen Wink­ler für sei­ne Hin­wei­se und Infor­ma­tio­nen und an Gün­ter Knieß für die Auf­zeich­nung sei­ner Kind­heits­er­in­ne­run­gen und für die hilf­rei­che Unter­stüt­zung bei mei­nen Recher­chen. Abschlie­ßend lade ich alle Deich­SPIE­GEL-Leser herz­lich ein, ihre eige­nen Erin­ne­run­gen hier als Kom­men­ta­re niederzuschreiben.
Quel­len:
Dr. Georg Bes­sell: Hei­mat­chro­nik der Stadt Bre­mer­ha­ven, Sei­ten 271 ff.
Hein­rich Drö­ge:
Hun­dert Jah­re bau­en – Fest­schrift zum 100-jäh­ri­gen Bestehen
R. S. Hart­mann: Die Part­ner­schaft von Kapi­tal und Arbeit, Sei­ten 218 ff.
H. Buch­artz: Die Prü­fung und die Eigen­schaf­ten der Kalk­sand­stei­ne, Juli­us-Sprin­ger-Ver­lag, Ber­lin, 1908
Her­bert Kört­ge: Die Stra­ßen­na­men der See­stadt Bre­mer­ha­ven, Sei­te 120
Dr. Hart­mut Bickel­mann: Wer­bung durch Anschau­ung, Nie­der­deut­sches Hei­mat­blatt Nr. 567 vom März 1997
Dr. Hart­mut Bickel­mann: Zwi­schen Woh­nen und Arbei­ten, Nie­der­deut­sches Hei­mat­blatt Nr. 586 vom Okto­ber 1998
guh: Die letz­ten Tage der Kalk­sand­stein­ära, Nord­see-Zei­tung vom 18.02.2000
Rai­ner Dons­bach: Nicht dem Ver­fall zuse­hen, Nord­see-Zei­tung vom 29.03.2011
S. Schwan: Neu­er Anlauf für die Kist­ner-Bra­che, Nord­see-Zei­tung vom 10.1.2012
Rai­ner Dons­bach: Denk­mal droht der Abriss, Nord­see-Zei­tung vom 17.09.2015
Rai­ner Dons­bach: Flücht­lin­ge aufs Kist­ner­are­al, Nord­see-Zei­tung vom 13.11.2015
Jür­gen Wink­ler: Kist­ner­ge­län­de – eine unend­li­che Geschich­te,
juwi’s welt
Kalk­sand­stein-Dienst­leis­tung GmbH: Geschich­te der Kalksandsteinindustrie 
Stadt Bre­mer­ha­ven:
Pres­se­mit­tei­lung vom 14.10.2015 
Hup­ke und Mahn | Geschichts­werk­statt Lehe:
Kalk­sand­stein­werk H. f. Kistner
Deut­sche Digi­ta­le Biblio­thek: Bre­mer­ha­ven, Hafen­stra­ße 56, 58, 60, Werftstraße

Am 04.02.2016 schrieb Herr Gus­tav Woh­de zu obi­gem Arti­kel fol­gen­den Kom­men­tar und bat mich, hier zwei Bil­der zu veröffentlichen:

Hal­lo Herr Kistner,
zur Unter­strei­chung des Enga­ge­ment für ihre Mit­ar­bei­ter in obi­gem Arti­kel sen­de ich Ihnen ger­ne einen Nach­ruf in Form eines Zei­tungs­aus­schnit­tes zu. Auf die­sem wird mein Onkel Sieg­fried Lan­ge im Okto­ber 1959 als guter Mit­ar­bei­ter und eben sol­cher Kame­rad von der Lei­tung der Fir­ma Kist­ner und deren Mit­ar­bei­ter ver­ab­schie­det. Er war Beton­fach­ar­bei­ter und 31 Jah­re alt.
Soll­te es Ihnen gelin­gen, eine Erin­ne­rung an mei­nen Onkel zu wecken, den ich nie ken­nen­ler­nen konn­te, wäre ich Ihnen sehr dank­bar für eine Kontaktaufnahme.
Ger­ne sen­de ich Ihnen auch ein Foto von Ihm zu.
Vie­len Dank vor­ab und wei­ter­hin alles Gute.

Die H. F. Kistner Baugesellschaft

Nach­ruf Sieg­fried Lan­ge vom 5. Okto­ber 1959

Siegfried Lange

Die Geestemünder Eisengießerei und Maschinenfabrik tom Möhlen & Seebeck

Neben der 1876 gegrün­de­ten See­beck-Werft gab es in Bre­mer­ha­ven noch ein wei­te­res Unter­neh­men, das den Namen See­beck im Fir­men­na­men führ­te. Bei einem Spa­zier­gang zum Fried­hof Lehe III wur­de ich auf das ver­las­se­ne Wohn­haus Am Fleeth 1 auf­merk­sam. Neu­gie­rig trat ich näher und sah das stark pati­nier­te Metall­schild, das den Besu­chern einst mit­teil­te, wer hier sein Zuhau­se hat­te: Hans Seebeck.

Hans Seebeck Hauseingang Am Fleeth 1 in Lehe

Zunächst glaub­te ich, dass hier ein Nach­kom­me des am 7. Novem­ber 1845 gebo­re­nen Werft­grün­ders Georg Diet­rich See­beck gewohnt haben mag. Doch bei mei­nen Recher­chen im Inter­net bin ich auf einen ande­ren See­beck gestoßen.

In “Din­glers Poly­tech­ni­sches Jour­nal” aus dem Jah­re 1894 fin­det sich ein Hin­weis, dass tom Möh­len und See­beck  “einen Kes­sel bau­en mit Innen­feue­rung und schräg lie­gen­dem Was­ser­rohr­bün­del (D. R. P. Nr. 71224 vom 4. März 1892) nach Fig. 49. Der Abzug der Rauch­ga­se erfolgt ent­we­der durch ein senk­rech­tes Rauchrohr in die Höhe oder durch eine seit­lich ange­brach­te Rauch­kam­mer. Die unte­re Feu­er­büch­se bil­det den Ver­bren­nungs­raum, in der obe­ren Feu­er­büch­se sind Was­ser­roh­re schräg ange­ord­net, wel­che, um ein leich­te­res Aus­zie­hen der­sel­ben zu ermög­li­chen, oben erwei­tert sind.”

Dampfkessel von tom Moehlen und Seebeck

Auch die Patent­schrift Nr. 140627 des Kai­ser­li­chen Patent­am­tes gibt Aus­kunft, dass es in Geest­e­mün­de ein Unter­neh­men mit der Fir­men­be­zeich­nung “Maschi­nen­fa­brik und Eisen­gie­ße­rei tom Möh­len & See­beck” gege­ben hat. Mit die­ser Patent­schrift vom 24. April 1903 wur­de ein “Ste­hen­der Dampf­kes­sel…” patentiert.

Patent Dampfkessel von tom Moehlen und Seebeck

Schließ­lich habe ich den Namen des Unter­neh­mens tom Möh­len & See­beck noch in vie­len anti­ken Fach­bü­chern fin­den kön­nen. So zum Bei­spiel in der 1883 erschie­nen drit­ten Aus­ga­be des Wer­kes “Die Schiffs­ma­schi­ne”. Ver­fas­ser war der 1904 ver­stor­be­ne lang­jäh­ri­ge Maschi­nen­bau­di­rek­tor der Krupp­schen Ger­ma­nia-Werft Wil­helm Mül­ler. Auf Sei­te 106 ist die Zeich­nung eines “ste­hen­den Feu­er­büchs­kes­sels” abgebildet.

Die Schiffsmaschine

1885 grün­de­te der Kup­fer­schmied Fried­rich August See­beck mit dem Maschi­nen­dre­her Adolph tom Möh­len in der heu­ti­gen Ver­de­ner Stra­ße die “Eisen­gie­ße­rei und Maschi­nen­fa­brik tom Möh­len & Seebeck”.

Die “Eisen­gie­ße­rei und Maschi­nen­fa­brik tom Möh­len & See­beck” wur­de sehr erfolg­reich und über Deutsch­lands Gren­zen hin­aus bekannt. Als die Hin­ter­hof­werk­statt zu klein wur­de, kauf­te das jun­ge Unter­neh­men am süd­öst­li­chen Ende des dama­li­gen Quer­ka­nals in der heu­ti­gen Indus­trie­stra­ße ein Grund­stück mit einem Gleis­an­schluss an die Eisen­bahn­stre­cke Bre­mer­ha­ven-Bre­men. Das Grund­stück wur­de in den Jah­ren 1889 und 1890 mit einer Maschi­nen­fa­brik, einer Eisen­gie­ße­rei und mit einem Wohn­haus bebaut.

Querkanal Geestemünde

Die Auf­trags­bü­cher waren so voll, dass die Fabrik an ihre Kapa­zi­täts­gren­zen stieß und ein wei­te­res Grund­stück an  der  ver­län­ger­ten Indus­trie­stra­ße zwi­schen dem städ­ti­schen  Gas­werk  und  der  Teck­len­borg-Werft hin­zu­pach­ten musste.

Anders als auf dem älte­ren Betriebs­teil, auf dem sich die Gie­ße­rei und der Maschi­nen­bau befand, wur­den auf dem neu­en Gelän­de der Behäl­ter­bau und der Brü­cken- und Eisen­hoch­bau ange­sie­delt. Aber auch auf die­sem Grund­stück stieß das expan­die­ren­de Unter­neh­men an sei­ne Gren­zen, und wei­te­re Grund­stü­cke wur­den hin­zu­ge­pach­tet. Es wur­de ein Dampf­ham­mer und 1913 eine Kran­bahn mit einem elek­tri­schen Lauf­kran investiert.

1927 Maschinenbauhalle

Fried­rich August See­beck und Adolph tom Möh­len wohn­ten in unmit­tel­ba­rer Nähe zur Fabrik, gleich neben der Maschi­nen­bau­werk­statt, in einem in die Fabrik­an­la­gen inte­grier­tes drei­stö­cki­ges Eta­gen­haus. Im Erd­ge­schoss wur­de das Kon­tor ein­ge­rich­tet. Fer­ner war hier der Aus­stel­lungs­raum für die Prä­sen­ta­ti­on der Pro­duk­te unter­ge­bracht. Schließ­lich gab es im Erd­ge­schoss noch einen gro­ßen Saal, in dem sich die zur Gie­ße­rei gehö­ri­ge For­me­rei befand.   Die Eigen­tü­mer bezo­gen jeweils eine Woh­nung in den bei­den Ober­ge­schos­sen. Die­ses Gebäu­de wur­de im Jah­re 1899 durch erwei­tert: Ein drei­stö­cki­ger Anbau wur­de inte­griert und das Kon­tor den ver­än­der­ten Bedin­gun­gen ange­passt und vergrößert.

Briefkopf der Firma tom Möhlen & Seebeck

Nicht nur der 1888 erfolg­te Zoll­an­schluss der Unter­we­ser­or­te trug bis zum Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges zu der anhal­tend gute Ent­wick­lung der Fir­ma tom Möh­len & See­beck bei. Mit dem Regie­rungs­an­tritt Kai­ser Wil­helm II. und der Ent­las­sung des Reichs­kanz­lers Bis­marck fand seit etwa Anfang der 1990er Jah­re eine Bele­bung des Schiff­bau­es statt. Zusätz­lich beein­fluss­te der Bau- und Wirt­schafts­boom in den 1890er Jah­ren das Wachs­tum in der Schiffs­bau­in­dus­trie, im Bau­ge­wer­be und auch in der Holz­be­ar­bei­tung nach­hal­tig. So ver­zehn­fach­te sich zwi­schen den Jah­ren 1871 und 1912 die Beför­de­rungs­leis­tung der deut­schen Han­dels­schiff­fahrt auf den Welt­mee­ren. Das Stre­cken­netz der Eisen­bahn ver­län­ger­te sich von 18.876 Kilo­me­ter im Jah­re 1870 auf 63.378 Kilo­me­ter im Jah­re 1913. Der Boom die­ser Jah­re schlug natür­lich auch auf die Zulie­fe­rer­be­trie­be durch. Die Auf­trags­bü­cher der Maschi­nen­fa­bri­ken und Gie­ße­rei­en waren gut gefüllt.

Lehrbuch für Studierende und Ingenieure

Die Anzahl der Beschäf­tig­ten geben Aus­kunft über das Wachs­tum der Fir­ma tom Möh­len & See­beck: Im Jah­re 1892 waren 60 Arbei­ter und 2 Kon­to­ris­ten in der Fir­ma tätig. Im Jah­re 1900 waren es bereits 100 Arbei­ter und 6 Kon­to­ris­ten und Tech­ni­ker. Und ab 1902 bil­de­te sich eine fes­ter Stamm von 100 bis 120 Arbei­ter. Das beding­te natür­lich auch ein Per­so­nal­wachs­tum in der Ver­wal­tung. 1908 beschäf­tig­te der Betrieb ins­ge­samt 12 Ange­stell­te, Tech­ni­ker und Werkführer.

Den anhal­ten­den Auf­wärts­trend bezeu­gen auch die vie­len Paten­te und Gebrauchs­mus­ter-Ein­tra­gun­gen. So gibt etwa die dama­li­ge Fach­zeit­schrift “Glück­auf” in ihrer Aus­ga­be vom 12. August 1911 dar­über Aus­kunft, dass im Reichs­an­zei­ger vom 10. Juli 1911 für tom Möh­len und See­beck eine Gebrauchs­mus­ter­ein­tra­gung für ein Füll­rumpf­ver­schluss bekannt gemacht wurde.

Glückauf

Neben einer drit­ten Dampf­ma­schi­ne gab es im Werk zwei Elek­tro­mo­to­ren, zwei Gene­ra­to­ren und etwa 50 Dreh­bän­ke. Die Fir­ma tom Möh­len & See­beck hat es geschafft. Das mit­tel­stän­di­sche gewor­de­ne Unter­neh­men bekam Auf­trä­ge aus dem gan­zen Deut­schen Reich.  Auch im euro­päi­schen Aus­land war die Fir­ma tom Möh­len & See­beck, die Arma­tu­ren, Dampf­kes­sel, Druck­be­häl­ter, Pum­pen, Krä­ne, Ruder­ma­schi­nen und vie­les mehr pro­du­zier­te,  als leis­tungs­fä­hig und kom­pe­tent bekannt.

Doch mit der vor­ste­hen­den Auf­zäh­lung war der Ange­bots­ka­ta­log noch lan­ge nicht erschöpft. tom Möh­len & See­beck errich­te­te auch Eisen­kon­struk­tio­nen. Stra­ßen- und Eisen­bahn­brü­cken, Anle­ge­pon­tons, Slip­an­la­gen, Schleu­sen­to­re, Ver­la­de­brü­cken und För­der­bän­der und gro­ße Lager- und Mon­ta­ge­hal­len. Es gab wohl nichts Metal­le­nes, was man bei tom Möh­len & See­beck nicht ordern konnte.

Hohenstauffenstrasse

Etwa seit der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert began­nen die Unter­neh­mer, ihre Gewer­be­rei­che von ihren Wohn­be­rei­chen zu tren­nen. Sie zogen nun ein Wohn­um­feld abseits ihrer Fabri­ken vor. Wer es sich leis­ten konn­te, bau­te eine Vil­la und hat­te Dienstpersonal.

Als in Geest­e­mün­de nörd­lich des Holz­ha­fens im Bereich der Hohen­stau­fen­stra­ße ein Vil­len­vier­tel ent­stand, zöger­te Fried­rich A. See­beck nicht lan­ge und ließ sich in der Hohen­stau­fen­stra­ße 10 (spä­ter umnum­me­riert in 25) eine gro­ße Vil­la bau­en. Sie schmieg­te sich an die bereits in den Jah­ren 1907/1908 vom Bre­mer Archi­tek­ten Heinz Stoff­re­gen für den in Eng­land gebo­re­nen Ree­der Edward Richard­son in eng­li­scher Land­haus­ar­chi­tek­tur errich­te­te Vil­la an. Die bei­den anein­an­der gelehn­ten Vil­len völ­lig unter­schied­li­chen Cha­rak­ters bil­de­ten ein für die Hohen­stau­fen­stra­ße unge­wöhn­li­ches Ensemble.

Karte

Fried­rich A. See­becks Vil­la lag mit ihrer Rück­front ziem­lich genau gegen­über der Fir­ma tom Möh­len & See­beck, die sich ja zwi­schen Quer­ka­nal und Indus­trie­stra­ße befand. Nur die Eisen­bahn­tras­se und die heu­ti­ge Elbe­stra­ße trenn­ten Vil­la und Fabrik. Gleich­wohl war das sozia­le und räum­li­che Umfeld in der Hohen­stau­fen­stra­ße ein ganz anderes.

Adolph tom Möh­len such­te sich in die­ser Zeit eben­falls ein Wohn­grund­stück außer­halb des Fabrik­ge­län­des. Er woll­te zurück in sei­nen Geburts­ort Lehe. So ließ er in Spe­cken­büt­tel auf dem Grund­stück Park­stra­ße 20 eben­falls eine gro­ße Vil­la bau­en. Den Ein­zug im Jah­re 1911 erleb­te er aller­dings nicht mehr.

Wasserstandsanzeiger aus dem Jahre 1903

Mit der Über­sie­de­lung See­becks in sei­ne neue Vil­la und dem etwa  zur sel­ben Zeit vor­ge­nom­me­nen Umzug tom Möh­lens in sein gro­ßes Anwe­sen in der Park­stra­ße nahm der Bezug der Unter­neh­mer zu ihrer Fabrik und zu den per­sön­li­chen Lebens­be­rei­chen der Geschäfts­part­ner glei­cher­ma­ßen ab. Die ursprüng­li­che Ein­heit von Woh­nen und Arbei­ten lös­te sich auf.

Nach dem Tode von tom Möh­len kauf­te Fried­rich A. See­beck der Wit­we ihre geerb­ten Fir­men­an­tei­le ab und wur­de Allein­ei­gen­tü­mer. Den Fir­men­na­men änder­te er 1917 um in “Fried­rich A. See­beck”. Aber Ende 1918 starb auch er, und nun führ­te sein Sohn Hans das Unter­neh­men wei­ter. Im Jah­re 1932 erfolg­te eine erneu­te Umfir­mie­rung, das Unter­neh­men hieß nun “Hans See­beck Maschi­nen­bau – Eisen­bau GmbH”.

Turmdrehkran der ehemaligen Rickmers-Werft

Als 1921 Lehe und Bre­mer­ha­ven eine Gas­ge­mein­schaft grün­de­ten, wur­de das im Jah­re 1893 in Betrieb genom­me­ne Leher Gas­werk nicht mehr benö­tigt.  Hans See­beck kauf­te das beim Fried­hof Lehe III gele­ge­ne Grund­stück Fried­hof­stra­ße 38 (spä­ter Am Fleeth 1) mit den dar­auf ste­hen­den Anla­gen und rich­te­te dort sei­ne Maschi­nen­fa­brik ein. Das Gelän­de ver­füg­te über einen direk­ten Gleis­an­schluss an die Eisen­bahn­li­nie Cux­ha­ven-Bre­men und war groß genug, sämt­li­che Betriebs­tei­le des Unter­neh­mens auf­zu­neh­men. Nach Abschluss der erfor­der­li­chen Umbau­ar­bei­ten sie­del­te 1925 der kom­plet­te Betrieb in die Fried­hof­stra­ße um. Hier stan­den den Mit­ar­bei­tern gut belich­te­te Fabrik­hal­len zur Ver­fü­gung, ein zwei­ge­schos­si­ges Ver­wal­tungs­ge­bäu­de ent­stand, ein Pfört­ner­haus, Sozi­al­räu­me und Lager und eine Kraftfahrzeughalle.

Wohnhaus Hans Seebeck

Hans See­beck bezog in der Fried­hofs­stra­ße das frei­ste­hen­de zwei­ein­halb­stö­cki­ge Beam­ten­wohn­haus des Gas­werks. Die elter­li­che Vil­la in der Hohen­stau­fen­stra­ße blieb aber im Fami­li­en­be­sitz. Fried­rich A. See­becks Wit­we wohn­te hier mit einer Schwes­ter von Hans See­beck, der 1968 ver­stor­be­nen Musik­leh­re­rin Anna Marie Seebeck.

Das von See­beck auf­ge­ge­be­ne Pacht­ge­län­de in der Indus­trie­stra­ße über­nahm Mit­te der 1920er Jah­re das Weser­mün­der Gas­werk. Das fir­men­ei­ge­ne Gelän­de am Quer­ka­nal ver­kauf­te Hans See­beck 1925 an den Kon­sum- und Spar­ver­ein Unter­we­ser, der die Anla­gen für sei­ne Spar­te “Koh­len­la­ger” nutz­te. In das Wohn­haus zogen nun Beschäf­tig­te des Kon­sum­ver­eins ein.

Im Mai 1933 lös­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten die Kon­sum­ver­ei­ne auf. Das Gelän­de kam in die Hän­de der But­ter-Absatz-Zen­tra­le Nord­han­no­ver. Die Maschi­nen­bau­hal­le wur­de durch ein gro­ßes Kühl­haus ersetzt. Alle ande­ren Anla­gen wur­den ent­fernt, nur das Wohn­haus und ein Lager­ge­bäu­de blie­ben erhal­ten. 1970 wur­de der gesam­te Kom­plex auf­ge­ge­ben, die But­ter-Absatz-Zen­tra­le zog in das Gewer­be­ge­biet nach Wuls­dorf um. 1986 wur­de das Gelän­de ein­ge­eb­net. Ver­schie­de­ne Super­märk­te, Dis­coun­ter und ein gro­ßer Park­platz beherr­schen nun das Bild.

Hans Seebecks Wohnhaus

Mit dem frü­hen Tod von Hans See­beck im Novem­ber des Jah­res 1945 und dem nicht aus dem Zwei­ten Welt­krieg zurück­ge­kehr­ten Sohn Hans hat­te das Unter­neh­men kei­ne gere­gel­te Nach­fol­ge. Hans See­becks Wit­we Anna (1895 – 1980) über­nahm die Ver­ant­wor­tung und führ­te den Betrieb mit wei­te­ren Geschäfts­füh­rern zu neu­en Erfol­gen. Noch heu­te zeugt der 1956 für die Aus­rüs­tungs­ka­je der Rick­mers-Werft auf der Geest­hel­le gebau­te 35,5 Meter hohe vier­bei­ni­ge Turm­dreh­kran von der Leis­tungs­fä­hig­keit des Unter­neh­mens “Hans See­beck Maschi­nen­bau – Eisen­bau GmbH”. Den­noch geriet der Betrieb gegen Mit­te der 1950er Jah­re in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten. Die Pro­ble­me lös­ten sich durch die Auf­nah­me des Geest­e­mün­der Unter­neh­mers J. Hein­rich Kra­mer als wei­te­rer Gesellschafter.

In einer 300 Qua­drat­me­ter gro­ßen Hal­le fer­tig­te der Boots­bau­un­ter­neh­mer Gus­tav Kuhr seri­en­mä­ßig geschlos­se­ne Ret­tungs­boo­te aus Kunst­stoff. Die Hal­le brann­te im Jah­re 1962 mit allen Boo­ten ab.

1996/1997 wur­de das Gelän­de in Lehe auf­ge­ge­ben und der Betrieb nach Wis­mar ver­la­gert. Von dem ehe­ma­li­gen weit­räu­mi­gen Fir­men­kom­plex beim Leher Fried­hof ist nach einem Groß­brand im August 2002 nicht mehr viel übrig geblie­ben. An der Haus­tür des ver­las­se­nen Wohn­hau­ses zeugt noch ein Klin­gel­schild von sei­nem frü­he­ren Bewoh­ner Hans See­beck. Der roman­ti­sche natur­be­las­se­ne Gar­ten mit sei­nen gro­ßen alten Bäu­men lädt noch heu­te zum Ver­wei­len ein.

In dem ehe­ma­li­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de  und  dem mit die­sem durch einen gro­ßen Tor­bo­gen  ver­bun­de­nen  Gara­gen­trakt haben die  unter  der  Bezeich­nung  “Rock  Cyklus“  zusam­men­ge­schlos­se­nen Musik­grup­pen seit 1999 ein neu­es Domi­zil gefunden. 
Quel­len:
Dr. Hart­mut Bickel­mann, “Ein ande­rer See­beck”, Nie­derd. Hei­mat­blatt 08/2012
Hart­mut Bickel­mann, “Von Geest­en­dorf nach Geest­e­mün­de”, Sei­ten 209, 211
Har­ry Gab­cke, “Bre­mer­ha­ven frü­her-ges­tern-heu­te”, Sei­ten 68 und 69
Din­glers Poly­tech­ni­sches Jour­nal” aus dem Jah­re 1894, Heft 9 Sei­ten 201, 202

Die Geschichte des Hauses Hafenstraße 153

Es ist das Jahr, in dem Fer­di­nand Braun den Nobel­preis für Phy­sik bekommt. Es ist das Jahr, in dem die Deut­sche Reichs­post den bar­geld­lo­sen Post­scheck­ver­kehr ein­führt. Es ist das Jahr, in dem sich der Möbel­händ­ler Hein­rich Wal­ler an der Hafen­stra­ße 64 ein fünf­ge­schos­si­ges Wohn- und Geschäfts­haus mit einer reich ver­zier­ten Fas­sa­de erbau­en lässt. Es ist das Jahr 1909.

Hafenstraße 153

1879: Wil­helm I. ist König von Preu­ßen und ers­ter Deut­scher Kai­ser. Tho­mas A. Edi­son bringt zum ers­ten Mal eine Glüh­bir­ne dau­er­haft zum Leuch­ten. Im glei­chen Jahr grün­det der 1856 gebo­re­ne Hein­rich Wal­ler sein Möbel- und Deko­ra­ti­ons­ge­schäft. Am 6. Febru­ar 1883 wird Sohn Karl geboren.

1888 wird Wil­helm II. Deut­scher Kai­ser, und Hein­rich Wal­ler  steht 1890 in den Ver­kaufs­räu­men sei­nes “Leher Hau­ses” in der Hafen­stra­ße 64 und ver­kauft Möbel.

1890 Wohnhaus Waller

1905: Fünf Jah­ren zuvor hat der Deut­sche Kai­ser in Bre­mer­ha­ven sei­ne “Hun­nen­re­de” gehal­ten. In die­sem Jahr ist der von einer deut­schen Welt­macht träu­men­de Kai­ser schon wie­der vor Ort und besich­tigt den Lloyd­schnell­damp­fer “Kai­ser Wil­helm II”. In Ber­lin wird der Dom ein­ge­weiht, und die Geest­e­mün­der kön­nen über 320 Tele­fon­an­schlüs­se mit­ein­an­der plaudern.

Hein­rich Wal­ler lässt im Hin­ter­hof ein Lager­haus bau­en. Als Bäcker­meis­ter Brüg­ge­mannn das Nach­bar­haus Hafen­stra­ße 66 zum Ver­kauf stellt, greift Hein­rich Wal­ler zu und beauf­tragt das Leher Archi­tek­tur­bü­ro Adolf Fischer mit dem Neu­bau eines Wohn- und Geschäftshauses.

Werbeanzeige Architekt Adolf Fischer

1909: In Wien wird Franz Lehárs Ope­ret­te “Der Graf von Luxem­burg” urauf­ge­führt, in Bre­mer­ha­ven wir der Kai­ser­ha­fen III in Dienst gestellt und am Fische­rei­ha­fen wird die “Ers­te Deut­sche Stock- und Klipp­fisch­wer­ke GmbH” gegrün­det. Ja, im August wer­den die “Bür­ger”, die Lloyd- und die Kai­ser­stra­ße zum ers­ten Mal mit elek­tri­schen Bogen­lam­pen beleuchtet.

Am 24. Janu­ar 1909 gibt Hein­rich Wal­ler in der Pro­vin­zi­al-Zei­tung sei­ner wer­ten Kund­schaft zur gefäl­li­gen Nach­richt, “dass wäh­rend des Neu­bau­es der Möbel-Ver­kauf zu äußerst bil­li­gen Prei­sen” wei­ter­geht. Der Möbel­ver­kauf fin­det wäh­rend der Bau­zeit im Lager­haus im Hin­ter­hof statt.

1909 Zeitungsanzeige Heinrich Waller

1911: Die Reichs­ver­si­che­rungs­ord­nung wird ver­ab­schie­det. In Dres­den wird die Oper “Der Rosen­ka­va­lier” von Richard Strauss urauf­ge­führt. In Ham­burg wird der alte Elb­tun­nel ein­ge­weiht, in Eng­land läuft die “Tita­nic” vom Sta­pel und in Bre­mer­ha­ven läuft die Bark “Deutsch­land” zur 2. deut­schen Süd­po­lar­ex­pe­di­ti­on aus. Und – alles schon dage­we­sen – die Orts­grup­pe Lehe des Arbei­ter-Abs­ti­nen­ten-Bun­des for­dert, die Prei­se für alko­hol­freie Geträn­ke auf die Höhe der Bier­prei­se zu senken.

Unter­des­sen ver­kau­fen in Lehe Hein­rich Wal­ler und sei­ne Ehe­frau Gesi­ne ihre Möbel nun in dem fer­ti­gen Wohn- und Geschäftshaus.

1911 Postkarte Hafenstrasse

Hein­rich Wal­ler bezeich­net sein Möbel­haus jetzt als “größ­tes Möbel­la­ger am Plat­ze” und hat eine eige­ne Tisch­ler- und Pols­ter­stät­te. Kom­plet­te Woh­nungs­ein­rich­tun­gen kann man bei Wal­ler kau­fen. Gelie­fert wird frei Haus, und man ist modern und nun auch unter der Leher Tele­phon­num­mer 1237 fern­münd­lich erreichbar.

Zeitungsanzeige Möbelhaus Waller

Es ist wirk­lich ein prunk­vol­les Haus gewor­den, das der Möbel­händ­ler Hein­rich Wal­ler sich hat bau­en las­sen. Im ers­ten Ober­ge­schoss befin­det sich die Bel­eta­ge. Der Zugang zur Woh­nung führ durch ein reprä­sen­ta­ti­ves Treppenhaus.

Wohnungseingangstür

Auch die Woh­nun­gen in den höher gele­ge­nen Stock­wer­ken haben eine Aus­stat­tung, die weit über dem Stan­dard lie­gen. Jede Woh­nung hatt ein Bade­zim­mer und ein Spül-WC. Die zur dama­li­gen Zeit übli­chen Gemein­schafts­toi­let­ten gibt es in die­sem Hau­se nicht. So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass hier Bank­di­rek­to­ren, Ärz­te und ande­re wohl­ha­ben­de Leu­te wohnen.

Waller-Haus

Dem Zeit­geist ent­spre­chend, zeigt Hein­rich Wal­ler was er hat. Er lässt die Fas­sa­de sei­nes Pracht­bau­es mit viel Stuck ver­zie­ren. Den konn­te man sich damals aus einen Kata­log bestel­len. Reich ver­zier­te Orna­ment­plat­ten und dick­bäu­chi­ge Balus­tra­den ste­hen zur Ver­fü­gung. Auch Köp­fe Figu­ren wer­den ange­bo­ten. Der Bau­herr wählt aus, und der Archi­tekt setzt alles wie ein Puz­zle zu einem Gesamt­bild zusammen.

1909 Wallers Büste

Hein­rich Wal­ler bestellt die Orna­men­te bei der Leher Fir­ma Brüg­ge­mann und hat sich als Büs­te über sei­nem Haus­ein­gang ver­ewi­gen las­sen. Links und rechts von ihm schau­en sei­ne Frau Gesi­ne und sei­ne Toch­ter Frie­da eben­falls auf den Ein­gang hinunter.

Was Johann und Her­mann Brüg­ge­mann alles so im Ange­bot haben, prei­sen sie an den Fas­sa­den ihres neu­en Fir­men­ge­bäu­des an – es ist die 1898 erstell­te Rudelsburg. 

1918 Karl Waller verstorben

1918: Im Novem­ber flieht der Deut­sche Kai­ser in die Nie­der­lan­de und dankt ab. Der Ers­te Welt­krieg ist ver­lo­ren und Fried­rich Ebert wird der ers­te Reichs­kanz­ler der Wei­ma­rer Repu­blik. Und auch in Bre­mer­ha­ven ist Schluss mit König und Kai­ser: An der Unter­we­ser bil­det sich ein Arbei­ter- und Sol­da­ten­rat. Durch die “Bür­ger” mar­schie­ren Sol­da­ten und Arbei­ter zum heu­ti­gen Theo­dor-Heuss-Platz und demons­trie­ren für Frie­den und Demo­kra­tie. In Lehe wird der “Kai­ser­park” nun fol­ge­rich­tig umbe­nannt. Er bekommt den unver­däch­ti­gen Namen “Deut­scher Garten”

Hein­rich Wal­lers Sohn Karl wird nicht mehr mit­er­le­ben, wie man ver­sucht, aus dem Kai­ser­reich eine Repu­blik zu gestal­ten, die dann doch nur 14 Jah­re hal­ten wird. Er stirbt am 24. Novem­ber 1918 in einem Laza­rett in Königs­berg. Er hin­ter­lässt sei­ne Wit­we Dora und drei klei­ne Kin­der. 1919 ver­kauft Hein­rich Wal­ler sein Möbel­ge­schäft samt Haus an den Kauf­mann Carl Kam­mer­scheidt, der den Wert des Objek­tes vom Zim­mer­mann und Kreis­schät­zer Wil­helm Speck­mann schät­zen lässt.

1919 Wertschätzung Hafenstraße 64

Wenn­gleich Hein­rich Wal­ler sein Geschäft nach dem Tode sei­nes Soh­nes Karl auf­ge­ge­ben hat, am gesell­schaft­li­chen Leben nimmt er wei­ter­hin teil. Aus­kunft dar­über geben uns die his­to­ri­schen Pro­to­kol­le des Schüt­zen­ver­ein zu Lehe von 1848 e. V. So ist im Pro­to­koll-Buch ver­merkt, dass Hein­rich Wal­ler am 27. März 1897 an der Schüt­zen-Gene­ral-Ver­samm­lung Ver­eins­lo­kal H Breyer’s Hotel “Stadt Lehe” teil­ge­nom­men hat.

Für den 2. Juli 1932 ver­merkt das Pro­to­koll, dass der Vor­sit­zen­de des Schüt­zen­ver­eins der am 5. Juni began­ge­nen “gol­de­nen Hoch­zeit unse­res Ehren­schüt­zen Hein­rich Wal­ler und sei­ner Gat­tin” gedach­te. Auch an der Jah­res­ver­samm­lung vom 7. März 1934 nimmt Hein­rich Wal­ler teil.

1936 Anzeigen

Gele­gent­lich der Bei­rats­sit­zung vom 30. Juli 1936 gibt der Ver­eins­füh­rer des Schüt­zen­ver­eins bekannt, dass Hein­rich Wal­ler im Lau­fe des Tages ver­stor­ben ist, und zwar kurz nach sei­nem 80. Geburts­tag. Aber da gibt es schon ein ande­res Deutsch­land. Kein Kai­ser­reich mehr und auch kei­ne Wei­ma­rer Repu­blik – Deutsch­land ist nun ein Tau­send­jäh­ri­ges Reich. Und da schaut auch der preu­ßi­sche Minis­ter­prä­si­dent Her­mann Göring mal vor­bei und legt den Grund­stein für das Hoch­see­fi­scher-Ehren­mal an der Geest­e­mo­le. Beim Grund­stein ist es dann auch geblie­ben, das Ehren­mal wur­de nie gebaut. Naja, sol­che klei­nen Pat­zer pas­sie­ren auch den heu­ti­gen Politikern.

1897 grün­det der aus Cel­le stam­men­der Mey­er Behr in Ham­burg ein Schuh­ge­schäft, die Fir­ma Gebrü­der Behr. Es wer­den meh­re­re Zweig­nie­der­las­sun­gen eröff­net, eine davon in Lehe.

Die Geschäfts­füh­rung für das Schuh- und Beklei­dungs­ge­schäft wird Hein­rich Behn­ke über­tra­gen.  1917 trennt er sich von der Fir­ma Gebrü­der Behr und eröff­net in der dama­li­gen Hafen­stra­ße 112 ein eige­nes Schuhgeschäft.

Gebrueder Behr

1920: Die Repu­blik ist in Auf­ruhr, radi­ka­le Rech­te und Lin­ke zet­teln Auf­stän­de an, und Mor­de an poli­ti­schen Geg­nern sind an der Tages­ord­nung. Die NSDAP wird gegrün­det. Im Deut­schen Reich tre­ten 12 Mil­lio­nen Men­schen in einen Gene­ral­streik.  Der ehe­ma­li­ge Bre­mer­ha­ve­ner Stadt­di­rek­tor Erich Koch-Weser wird Vize­kanz­ler, die Arbei­ter­wohl­fahrt wird gegrün­det und an der Kai­ser­schleu­se legt nach dem Krieg das ers­te Pas­sa­gier­schiff an. Es ist der frü­he­re Lloyd­damp­fer “Rhein”, der jetzt “Sus­queh­an­na” heißt.

Carl Kam­mer­scheidt trennt sich von sei­nem gera­de ein Jahr zuvor erwor­be­nen Haus Hafen­stra­ße 64. Sein Möbel­ge­schäft aber betreibt er im Hin­ter­hof noch eine Wei­le weiter.

1920 Kammerscheidt

Käu­fer des Hau­ses Hafen­stra­ße 64 ist Hein­rich Behn­ke, der hier jetzt sei­ne Schu­he ver­kau­fen will. Kurz vor dem Umzug von der Hafen­stra­ße 112 a in die Hafen­stra­ße 64 for­dert sein Schuh­haus “Roland” die Kund­schaft auf, jetzt “zu außer­ge­wöhn­lich bil­li­gen Prei­sen” zu kau­fen, denn “die Prei­se für Schuh­wa­ren stei­gen ganz gewaltig”.

Am 30. Novem­ber 1920 ist es soweit: Das Schuh­haus Hein­rich Behn­ke eröff­net und ver­kauft im Allein­ver­trieb die Schuh­mar­ke “Sala­man­der”. Bis zum 3. Dezem­ber erhal­ten alle Kun­den 3 %Rabatt, Kriegs­be­schä­dig­te und Krie­ger­wit­wen erhal­ten dau­er­haft 5 % Rabatt.

1920 Schuhhaus Behnke

Hein­rich Behn­ke schal­tet regel­mä­ßig Inse­ra­te in der Nord­west­deut­schen Zei­tung. So erfährt der Zei­tungs­le­ser am 22. Dezem­ber 1920, dass wie­der eine gro­ße Schuh­wa­ren­sen­dung ein­ge­trof­fen ist, die nun zu äußerst güns­ti­gen Prei­sen ange­bo­ten wer­den kann. Auch ist “eine Besich­ti­gung ohne Kauf­zwang gern gestat­tet”. Man weist dar­auf hin, dass man sich “neben Dro­ge­rie Rog­ge” befindet.

1920 Hafenstrasse

1924: In die­sem Jahr diri­giert Richard Strauß im Bre­mer­ha­ve­ner Stadt­thea­ter sei­ne Oper “Salo­me” und Max Sieg­hold grün­det eine Werk­statt für Schiffs­re­pa­ra­tu­ren, wor­aus spä­ter die Schiffs­werft und Maschi­nen­fa­brik Max Sieg­hold wird. Und die Städ­te Lehe und Geest­e­mün­de ver­ei­ni­gen sich. 73.000 Ein­woh­ner hat die neue preu­ßi­schen Stadt Wesermünde.

1935 Hafenstrasse 153

Nun müs­sen vie­le Stra­ßen umbe­nannt wer­den, um Dop­pel­ben­en­nun­gen zu ver­mei­den. Die Hafen­stra­ße wird ver­län­gert und reicht nun vom Frei­ge­biet bis hin­auf zum Markt. Bei die­ser Gele­gen­heit wer­den auch die Haus­num­mern neu zuge­wie­sen. Aus der Hafen­stra­ße 64 wird die Hafen­stra­ße 153.

1936 Hafenstrasse

1944: Seit 1933 bestimmt der GröFaZ (Größ­te Füh­rer aller Zei­ten) die Geschi­cke des Groß­deut­schen Rei­ches. Anfang des Jah­res 1943 befiehlt er  16jährige Schü­ler an die Flug­ab­wehr­ka­no­nen, um den Weser­mün­der Luft­raum zu schützen.

An der Ost­front beginnt die Früh­jahrs­of­fen­si­ve der Roten Armee, und in Ber­lin wird der Film “Die Feu­er­zan­gen­bow­le” uraufgeführt.

1935 Hafenstrasse 153 und 155

Am 15. und am 18. Juni 1944 wird das Gebiet um die Pau­lus­kir­che bom­bar­diert. Eine Bom­be fällt auf das Rame­low-Gebäu­de, das Haus brennt aus. Die Brand­mau­er zum süd­lich angren­zen­den “Rog­ge­haus”, Hafen­stra­ße 155, mit der Dro­ge­rie im Erd­ge­schoss, wird so warm, dass auch die Bewoh­ner des Hau­ses 153 (Schuh­haus Behn­ke) ihren Luft­schutz­kel­ler ver­las­sen. Glück­li­cher­wei­se kann der Brand gelöscht wer­den, und nie­mand ist zu Scha­den gekommen.

1950 Hafenstraße

1945: Der GröFaZ hat sich erschos­sen, die Wehr­macht hat kapi­tu­liert. Die alli­ier­ten Sie­ger­mäch­te füh­ren nun die Hoheits­ge­walt in ihren Besat­zungs­zo­nen aus. Für Deutsch­land gilt ein abso­lu­tes Schiffs­bau­ver­bot, die noch vor­han­de­ne Han­dels­flot­te wird beschlag­nahmt. Statt Fisch­fang gibt es jetzt etwas für die Ohren: Der ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten­sen­der “AFN Bre­mer­ha­ven” geht am 28. Juli auf Sendung.

Die Ame­ri­ka­ner haben sich das Haus Hafen­stra­ße 153 aus­ge­schaut und beschlag­nah­men es. Alle Bewoh­ner müs­sen das Haus ver­las­sen. Fami­lie Behn­ke zieht ins Lager­haus um. Der Schuh­la­den wird in eine Biblio­thek für die GI’s umfunktioniert.

1954 Belegschaft Schuhhaus Behnke

1949 wer­den zwei deut­sche Staa­ten gegrün­det, und in Ham­burg nimmt der Nord­west­deut­sche Rund­funk den ers­ten Fern­seh­sen­der in Betrieb. Die Ame­ri­ka­ner geben das Haus Hafen­stra­ße 153 an die Fami­lie Behn­ke zurück, die ein Jahr spä­ter die Laden­front umbau­en las­sen. Das Schuh­haus wird auch mit einem moder­nen Pedo­skop ausgestattet.

1952 Schuhhaus Behnke

Mitt­ler­wei­le ist Kon­rad Ade­nau­er Bun­des­kanz­ler, in Bre­mer­ha­ven arbei­ten nur noch 7.600 Beschäf­tig­te in der Schiff­bau­in­dus­trie, und das Schuh­haus Behn­ke bekommt eine Sport­ab­tei­lung. Das ist auch nötig, weil Bre­mer­ha­ven 1962 einen Deut­schen Meis­ter im 100-Meter-Schmet­ter­lings­schwim­men bekom­men hat – es ist Wer­ner Freitag.

Jetzt gibt es in Bre­mer­ha­ven zwei Sport­ge­schäf­te: Schuh­haus Fuss in Geest­e­mün­de und Schuh­haus Behn­ke in Lehe. Bei Behn­ke kann man Wurf­spee­re, Ten­nis­schlä­ger von Dun­lop und Bäl­le jeder Grö­ße und für jede Sport­art kau­fen. 1962 wird der Schuh­la­den erneut umge­baut. Vor dem Ein­gang ent­steht eine klei­ne Pas­sa­ge mit einer Schuhvitrine.

1978: Das Kabi­nett Hel­mut Schmidt regiert, und in der Hafen­stra­ße 153 wird gefei­ert: Die Inha­ber Fritz und Edith Behn­ke gra­tu­lie­ren Frau Anne Haren­berg zu ihrem 25-jäh­ri­gen Betriebs­ju­bi­lä­um. Das Schuh­ge­schäft wird seit 1975 von Kurt Kro­nen­ber­ger geführt. Ab 1989 führt Toch­ter Hei­ke das Geschäft als Schuh­ge­schäft Kro­nen­ber­ger, bis sie es im Jah­re 1993 aufgibt.

1979 Waller-Haus

1994: Hel­mut Kohl ist schon lan­ge Bun­des­kanz­ler, die Eisen­bahn wird pri­va­ti­siert, Bra­si­li­en wird Fuß­ball­welt­meis­ter, und nach 73 Jah­ren wer­den in der Hafen­stra­ße 153 kei­ne Schu­he mehr ver­kauft. Die Volks­bank Unter­we­ser eG kauft das Haus und zieht nun in das denk­mal­ge­schütz­te Haus ein. Vor­her wird das Gebäu­de saniert und in sei­nen ursprüng­li­chen Zustand zurück ver­setzt. Die 1962 errich­te­te Laden­pas­sa­ge ver­schwin­det. Auch das rie­si­ge Vor­dach mit den über­di­men­sio­na­len Wer­be­an­la­gen wird ent­fernt. Im Inne­ren ent­steht eine groß­zü­gi­ge Schalterhalle.

2015 Wallerhaus

2014: Deutsch­land wird mal wie­der Fuß­ball­welt­meis­ter, Opel schraubt sein letz­tes Fahr­zeug in Bochum zusam­men, und gut zwan­zig Jah­re nach der letz­ten Umbau­maß­nah­me muss die Fas­sa­de des ehe­ma­li­gen Wal­ler-Hau­ses erneut saniert wer­den. Rund 500.000 Euro nimmt die Volks­bank eG Bre­mer­ha­ven-Cux­land für die Erhal­tungs­maß­nah­men in die Hand.  Der Auf­wand hat sich gelohnt: In enger Zusam­men­ar­beit mit dem Denk­mal­schutz konn­te die Fas­sa­de mit­samt den alten Orna­men­ten in den ursprüng­li­chen Zustand ver­setzt wer­den. Die Woh­nun­gen wur­den mit Gäs­te-WC und zeit­ge­mä­ße Küchen auf den moderns­ten Stand gebracht. Die zwei Woh­nun­gen im vier­ten Ober­ge­schoss wur­den zu einer zusammengefasst.

1909 bis 2015 – das sind 106 lan­ge Jah­re. Das Haus hat vie­le Her­ren kom­men und gehen sehen. Ich habe die Geschich­te des Hau­ses mit der deut­schen Geschich­te ein wenig ver­knüpft um auf­zu­zei­gen, was das Haus in der Hafen­stra­ße 153 alles “erlebt” hat. 

Mein ganz beson­de­rer Dank gilt Herrn Andre­as Siems, Lei­ter der Abtei­lung Orga­ni­sa­ti­on und Unter­neh­mens­ser­vice von der Volks­bank eG Bre­mer­ha­ven-Cux­land. Herr Siems hat die Sanie­rung des Gebäu­des Hafen­stra­ße 153 beglei­tet. Ohne sein Wis­sen über die Sanie­rungs­ab­läu­fe und ohne sei­ne müh­sam zusam­men­ge­tra­ge­nen Infor­ma­tio­nen und Bil­der über das Haus hät­te ich die­sen Arti­kel für mei­ne inter­es­sier­ten Leser sicher­lich nicht schrei­ben kön­nen. Auch an Herrn  Behn­ke ein ganz gro­ßes Dan­ke­schön dafür, dass er sein Pri­vat­ar­chiv geöff­net und die his­to­ri­schen Bil­der her­vor­ge­holt hat. 
Quel­len:
Volks­bank eG Bremerhaven-Cuxland
stolpersteine-hamburg.de
Har­ry Gab­cke: „Bre­mer­ha­ven in zwei Jahr­hun­der­ten – 1827–1918
Har­ry Gab­cke: „Bre­mer­ha­ven in zwei Jahr­hun­der­ten – 1919–1947
Har­ry Gab­cke: „Bre­mer­ha­ven in zwei Jahr­hun­der­ten – 1948–1991

Als in Lehe noch Kaffee geröstet wurde — Die Kaffeerösterei Emil Schütz

Am 14. Juli 1914 erschien der am 15. April 1891 in West­fa­len gebo­re­ne Emil Schütz auf dem Gewer­be­amt der Stadt Lehe und mel­de­te an, dass er in der Hafen­stra­ße 220 ein Fach­ge­schäft für Kaf­fee, Tee und Kon­fi­tü­ren eröff­net hat.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Sei­ne Kennt­nis­se über Kaf­fee­boh­nen hat er sich zuvor in der Bre­mer Fir­ma “Johann Jacobs” ange­eig­net. Nun woll­te er sein eige­nes Geschäft auf­bau­en. Doch das Schick­sal woll­te es zunächst anders. Der 1. Welt­krieg brach aus, und Emil Schütz muss­te, wie vie­le ande­re sei­ner Gene­ra­ti­on auch, den Waf­fen­rock anzie­hen. Erst 1918 soll­te er aus dem Krieg zurückkehren.

Nach Kriegs­en­de konn­te Emil Schütz sich end­lich dem Auf­bau sei­nes Geschäf­tes in der Hafen­stra­ße 220 wid­men und den Kaf­fee-Röst­be­trieb erheb­lich ver­grö­ßern. 1923 besaß er bereits 23 Filia­len in Bre­mer­ha­ven, Wuls­dorf, Nor­den­ham und Cux­ha­ven. Zwar wur­den in Emil Schütz Geschäf­ten auch Lebens­mit­tel ver­kauft, aber Kaf­fee, Tee und Kakao mach­ten den Haupt­um­satz aus.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Im Jah­re 1923 kauf­te Emil Schütz für sei­nen expan­die­ren­den Röst­be­trieb den leer­ste­hen­den alten Leher Güter­bahn­hof in der Molt­ke­stra­ße 11 – 24. Hier absol­vier­te Wal­ter Thür­mer, spä­te­rer Mit­in­ha­ber und Geschäfts­füh­rer der Dres­de­ner “Kaf­fee­rös­te­rei und Kaf­fee-Ersatz­fa­brik Max Thür­mer”, in den Jah­ren 1923 und 1924 ein Praktikum.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Emil Schütz bau­te den ehe­ma­li­gen Güter­bahn­hof zu einer Groß­rös­te­rei um und schloss in den nächs­ten Jah­ren nach und nach sei­ne Filia­len. Er woll­te sei­ne Kun­den nun direkt belie­fern. Neben Bre­mer­ha­ven und Nie­der­sach­sen waren sei­ne Ver­tre­ter bald auch in Sach­sen, Schle­si­en und sogar Ost­preu­ßen unter­wegs, um den mitt­ler­wei­le deutsch­land­weit bekannt gewor­de­nen “Schütz-Kaf­fee” an Ein­zel­händ­ler und Groß­ver­brau­cher aus­zu­lie­fern. In den Jah­ren 1926 und 1927 ver­ar­bei­te­te die Groß­rös­te­rei jähr­lich bis zu 7.000 Sack Kaffee.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Mit Aus­bruch des 2. Welt­krie­ges wur­den kei­ne Kaf­fee­boh­nen mehr impor­tiert. Um den Geschäfts­be­trieb auf­recht erhal­ten zu kön­nen, stell­te Emil Schütz sei­ne Rös­te­rei auf die Pro­duk­ti­on von Ersatz­kaf­fee um. In gro­ßem Umfang wur­den nun Getrei­de und Zucker­rü­ben­schnit­zel gerös­tet und dar­aus Mucke­fuck hergestellt.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Zwar gab es ein paar Schä­den durch Brand­bom­ben, aber im Gro­ßen und Gan­zen über­leb­te der Betrieb den Krieg unbe­scha­det. Ein gro­ßer Ver­lust für die Fir­ma war jedoch, dass beim Bom­ben­an­griff fünf Wohn- und Geschäfts­häu­ser zer­stört wur­den. Und als Deutsch­land nach Kriegs­en­de geteilt wur­de, konn­te Emil Schütz sei­ne ange­stamm­ten Kun­den im Osten nicht mehr beliefern.

Kaffeerösterei Emil Schütz

End­lich, im Jah­re 1948, tra­fen in Ham­burg und Bre­men wie­der die ers­ten Kaf­fee-Impor­te ein. Ein Segen, dass die Pro­duk­ti­ons­ge­bäu­de den Krieg über­lebt haben und der Röst­be­trieb sofort wie­der auf­ge­nom­men wer­den konn­te. Nun muss­te Ersatz für die ver­lo­ren gegan­ge­nen Absatz­märk­te geschaf­fen wer­den. Nicht nur im Elbe-Weser-Drei­eck konn­ten erfolg­reich Ein­zel­händ­ler für die Kaf­fee­sor­ten von der Schütz-Kaf­fee­rös­te­rei gewon­nen wer­den. Auch in West- und Süd­deutsch­land gelang es den Ver­tre­tern, neue Kun­den für den Qua­li­täts­kaf­fe aus Bre­mer­ha­ven zu begeistern.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Die Rös­te­rei  wur­de moder­ni­siert, und schon nach weni­gen Jah­ren konn­te die Vor­kriegs­pro­duk­ti­on über­trof­fen wer­den. Anfang der 1960er Jah­re waren 15 Ver­tre­ter mit ihren brau­nen VW-Bul­lis für die Groß­rös­te­rei auf deut­schen Stra­ßen unter­wegs. 50 Frau­en waren damit beschäf­tigt, den Kaf­fee zu sor­tie­ren und zu ver­pa­cken. In den Büros ver­dien­ten 14 Leu­te ihr Geld, und 20 Mit­ar­bei­ter waren für das Lager und den Trans­port ein­ge­teilt. Bis 1964 wur­den wöchent­lich 48 Stun­den gear­bei­tet, am Sonn­abend bis 14 Uhr.

Kaffeerösterei Emil Schütz

Ab Mit­te der 1960er Jah­re wur­de in der Rös­te­rei vie­les auto­ma­ti­siert. Jetzt wur­de nicht mehr von Hand sor­tiert; eine Maschi­ne saug­te nun jede Boh­ne an und sor­tier­te die Fehl­far­ben aus. Auch ein neu­es Röst­ver­fah­ren wur­de ein­ge­setzt. Doch obwohl die Fir­ma Schütz ein her­vor­ra­gen­des eng­ma­schi­ges Ver­triebs­sys­tem mit Ver­kaufs­be­zir­ke in ganz West-Deutsch­land unter­hielt, obwohl auto­ma­ti­siert und moder­ni­siert wur­de: 1971 kam das Ende für Schütz-Kaf­fee. Das Unter­neh­men wur­de an die Bre­mer  Fir­ma Köl­le ver­kauft, die eini­ge Jah­re spä­ter von Kaf­fee Hag über­nom­men wur­de. Was blieb, war die lan­ge wei­ße Mau­er in der Molt­ke­stra­ße, auf der ein gro­ßer roter Kreis mit einem knien­den Bogen­schüt­zen prangte.
Quel­len:
Hup­ke & Schrö­ter: Geschich­ten aus Lehe —
Kaf­fee­rös­te­rei Emil Schütz, Sei­te 33
Dr. Georg Bes­sell: Hei­mat­chro­nik der Stadt Bre­mer­ha­ven, Sei­te 265
Rai­ner  Dons­bach: Vol­les Röst­aro­ma aus Lehe, Nord­see-Zei­tung vom 21.10.2011
Kaf­fee­tra­di­ti­on e.V., 38820 Halberstadt

Das Kaufhaus Schocken

Das Kauf­haus Schocken

Das Kauf­haus Scho­cken war die  viert­größ­te Waren­haus­ket­te in Deutsch­land mit mehr als 30 Filia­len. Die Eigen­tü­mer des Waren­haus-Kon­zerns waren die Gebrü­der Simon und Sal­man Schocken.

Kaufhaus Schocken später Merkur

Die Fami­lie von Josef Scho­cken betrieb in Zwi­ckau eine Kauf­haus­ket­te. Josef Scho­cken zog nach sei­ner kauf­män­ni­schen Aus­bil­dung im Jah­re 1903 mit sei­ner Ehe­frau Jea­nette Scho­cken nach Bre­mer­ha­ven und eröff­ne­te das Kauf­haus Scho­cken in der Bür­ger­meis­ter-Schmidt-Stra­ße. 1929 erwarb er zusätz­lich das Kauf­haus S. Hirsch in Geest­e­mün­de an der Georg­stra­ße 51. Sein Unter­neh­men war eng mit der Zen­tra­le in Zwi­ckau ver­bun­den, gehör­te aber nicht zum Kauf­haus­kon­zern Scho­cken sei­ner Brü­der. 1928 wur­de Josef Scho­cken Syn­ago­gen­vor­ste­her der Gemein­de Lehe-Geest­e­mün­de und übte das Amt bis zu sei­nem Tode im Jah­re 1934 aus.

1935_Kaufhaus_Schocken

Jea­nette Scho­cken ent­stamm­te einer seit 1839 in Hal­le ansäs­si­gen Kauf­manns­fa­mi­lie. Mit ihrem Ehe­mann hat­te sie die drei Kin­der Edith (geb. 3.3.1907), Heinz (geb. 13.7.1910) und Hil­de (geb. 18.2.1918).

Nach dem Tod ihres Ehe­manns führ­te  Jea­nette Scho­cken gemein­sam mit dem Ehe­mann ihrer Toch­ter Edith die Geschäf­te der bei­den Kauf­häu­ser in Bre­mer­ha­ven und Geest­e­mün­de. Zwar han­del­te es sich um zwei selb­stän­di­ge Kauf­häu­ser, jedoch waren sie orga­ni­sa­to­risch mit der Zwi­ckau­er Kon­zern­zen­tra­le ver­bun­den. Nach­dem der Kon­zern im Som­mer 1938 “ari­siert” wur­de, muss­ten die Kauf­häu­ser zwangs­wei­se an die neue Zen­tra­le ver­kauft wer­den. Die Ära Scho­cken war vorbei.

1939 Kaufhaus Merkur wird eröffnet

In der Pro­grom­nacht auf den 10. Novem­ber 1938 bren­nen SA-Scher­gen die Syn­ago­ge in der Schul­stra­ße ab und set­zen auch meh­re­re Geschäfts­häu­ser in Brand, dar­un­ter auch das Kauf­haus Scho­cken. Nach die­sen fürch­ter­li­chen gewalt­tä­ti­gen Über­grif­fen gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung emi­grier­ten Heinz und Hil­de Scho­cken nach Ame­ri­ka, Wal­ter Elke­les gelang mit sei­nen Kin­dern die Flucht nach Palästina.

Auch Jea­nette Scho­cken hät­te jetzt noch flie­hen kön­nen. Sie tat es nicht. Sie hat­te eine erwach­se­ne, schwer­kran­ke Toch­ter, die nicht nur auf die Ein­richtung einer Kli­nik, son­dern auch auf die per­sön­li­che Zuwen­dung ihrer ­Mut­ter psy­chisch ange­wie­sen war. Daher woll­te sie zunächst in Bre­mer­ha­ven blei­ben, um  die Gene­sung ihrer Toch­ter Edith abzu­war­ten. Danach war es zu spät, sie konn­ten nicht mehr aus Deutsch­land raus.

Mit ins­ge­samt 570 jüdi­schen Frau­en, Män­nern und Kin­dern wur­den Jea­nette Scho­cken und Edith Elke­les wie auch ihr Bru­der, des­sen Frau und des­sen vier­jäh­ri­ger Sohn am 17.11.1941 nach Minsk depor­tiert. Das letz­te Lebens­zei­chen von ihr war ein Gruß an eine Freun­din in Bre­mer­ha­ven, den sie einem Sol­da­ten mit­ge­ge­ben hat­te. Ver­mut­lich wur­de sie im Ver­nich­tungs­la­ger Maly Tros­ti­nez ermordet.

1951 Kaufhaus Merkur

1949 erhielt  Sal­man Scho­cken sei­ne in den west­li­chen Besat­zungs­zo­nen befind­li­chen Waren­häu­ser, die auf­grund der “Ari­sie­rung”  im Jah­re 1938 jetzt “Mer­kur AG” hieß,  zurück. Doch 1953, gera­de als der Umsatz sei­nes Unter­neh­mens wie­der das Vor­kriegs­ni­veau erreicht hat­te, ver­kauf­te er sei­ne Akti­en­an­tei­le an Hor­ten. Sal­man Scho­cken ver­starb in der Nacht auf den 21. August 1959 in sei­nem Schwei­zer Hotelzimmer.

1961 Kaufhaus Merkur

Vie­le Bre­mer­ha­ve­ner Kin­der haben sich in der Vor­weih­nachts­zeit ihre Nasen an den wun­der­schön deko­rier­ten Schau­fens­tern des Kauf­hau­ses Mer­kur platt­ge­drückt. Da gab es so viel zu sehen, was die Kin­der­her­zen höher­schla­gen ließ: Pup­pen, Ted­dys und sogar eine im Kreis fah­ren­de elek­tri­sche Eisen­bahn. Und man­ches Kind ver­such­te, eine Fahrt mit dem Fahr­stuhl zu ergat­tern. Da gab es noch einen Fahr­stuhl­füh­rer, der trug Livree und sag­te in jedem Stock­werk die Waren an, die hier auf ihre Käu­fer war­te­ten. Es war eine Zeit des Auf­bruchs. Der Krieg haben die Men­schen hin­ter sich gelas­sen, alles schau­te nach vorne.

2014 Kaufhaus Merkur

1963 hat­te das Kauf­haus Mer­kur an der Ecke Georg- und Gras­hoff­stra­ße eine Ver­kaufs­flä­che von sagen­haf­ten 2.200 Qua­drat­me­tern. Doch 1977 schloss der Hor­ten-Kon­zern das Kauf­haus. Noch im glei­chen Jahr wur­den in den ver­wais­ten Räu­men Tep­pi­che ver­kauft, spä­ter wur­de aus dem Mer­kur-Haus eine Oase für Schnäppchenjäger.

Nun ist auch die “Preis-Oase” aus­ge­zo­gen, sie bie­tet ihre Schnäpp­chen jetzt in der Hafen­stra­ße an. Mit dem bevor­ste­hen­den Abriss des Mer­kur-Gebäu­des endet die lan­ge Geschich­te. Was bleibt, sind Erin­ne­run­gen, die durch Bil­der und Erzäh­lun­gen geweckt wer­den kön­nen. Aber viel­leicht auch mit der Zeit ver­lo­ren gehen. Wenn nie­mand mehr da ist, der erzäh­len kann, der erin­nern kann.

Neubau Nordsee-Pflege

Die Abbruch­ar­bei­ten haben bereits begon­nen. Wenn der Flach­dach­bau abge­tra­gen ist, wird Eta­ge für Eta­ge das tra­di­tio­nel­le Fuss­haus und das Mer­kur-Haus dem Erd­bo­den gleich­ge­macht. Dann kann mit dem Bau eines 16 Mil­lio­nen teu­ren Neu­baus für die Nord­see-Pfle­ge begon­nen wer­den. Geplant sind 75 Ein­hei­ten betreu­tes Woh­nen, Ver­wal­tungs­bü­ros für die Nord­see-Pfle­ge, ambu­lan­te Pfle­ge und Tages­pfle­ge, eine Aka­de­mie zur Aus­bil­dung von Alten­pfle­ge­fach­kräf­ten und eine 800 Qua­drat­me­ter gro­ße Ver­kaufs­flä­che für den Dro­ge­rie­markt Ross­mann. Im Unter­ge­schoss soll es neben Kel­ler­räu­me auch eine Tief­ga­ra­ge geben. Wenn alles nach Plan läuft, soll im Okto­ber schon das Erd­ge­schoss bezo­gen werden.

Und wenn Ende 2014 der kom­plet­te Neu­bau bezugs­fer­tig ist, wird das Scho­cken-Mer­kur-Gebäu­de der Ver­gan­gen­heit eines fer­nen Jahr­hun­derts  angehören.

Quel­len:
jeanette-schocken-preis.de
monde-diplomatique.de
Nord­see-Zei­tung
de.wikipedia.org