Moment mal, bitte!

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Bre­mer­ha­vens nörd­li­che Kir­chen­ge­mein­den wol­len also fusio­nie­ren, sich von der Johan­nes­kir­che, der Mar­kus­kir­che und der Lukas­kir­che tren­nen und ein neu­es Gemein­de­zen­trum mit einer neu­en Kir­che bau­en. Und war­um? Weil man­gels aus­rei­chen­der Kir­chen­mit­glie­der und stei­gen­der Unter­halts­kos­ten das Geld für drei Kir­chen­ge­bäu­de nicht mehr aus­rei­chen soll.

Johanneskirche-speckenbüttel

Nun, das ist eine kir­chen­in­ter­ne Ange­le­gen­heit und eine Ent­schei­dung, die den Kir­chen­vor­stän­den obliegt. Den­noch, ein Kir­chen­ge­bäu­de ist kein Wohn­haus oder Büro­ge­bäu­de. Ein Kir­chen­ge­bäu­de ist ein Sym­bol. Es sym­bo­li­siert das Chris­ten­tum, und es sym­bo­li­siert Bestän­dig­keit.

Men­schen ver­knüp­fen ein Kir­chen­ge­bäu­de mit ihren Erin­ne­run­gen. Erin­ne­run­gen an ihre Kon­fir­ma­ti­ons­zeit, an das Ver­spre­chen der Lie­be und Treue zuein­an­der für ein gan­zes Leben, an die Kinds­tau­fe und an die Namen der Ver­stor­be­nen, die vom Pas­tor ver­le­sen wur­den.

Selbst Men­schen, die sich schein­bar von der Kir­che abge­wandt haben, bedau­ern es, wenn “ihre” Kir­che geschlos­sen wird. Denn im Grun­de haben sie nicht ihren Glau­ben an Gott abge­legt, son­dern sie sind unzu­frie­den mit der Insti­tu­ti­on Kir­che.

Wer dafür ein­tritt, auf­grund schwin­den­der Mit­glie­der­zah­len ein Kir­chen­ge­bäu­de abzu­rei­ßen, macht es sich zu ein­fach und geht den Weg des gerings­ten Wider­stan­des. War­um wer­ben die Seel­sor­ger nicht aktiv um Mit­glie­der? War­um ver­su­chen sie nicht, ihre “ver­lo­re­nen Scha­fe” wie­der ein­zu­fan­gen. Da reicht es nicht aus, sich ein­fach auf die Kan­zel zu stel­len und ein Weh­kla­gen über die immer klei­ner wer­den­de Gemein­de zu erhe­ben. Da muss man es anders machen als die Poli­ti­ker, die bei einer ver­lo­re­nen Wahl auf die Nicht­wäh­ler schimp­fen.

Frü­her such­ten die Pas­to­ren die Men­schen daheim auf, die neu in den Kir­chen­kreis zuge­zo­gen sind. Da hat man sich bekannt gemacht, ein ver­bind­li­ches Gespräch gesucht und aktiv dazu eige­la­den, den nächs­ten Got­tes­dienst zu besu­chen. Zur Geburt eines Kin­des wur­de mit den jun­gen Eltern über die Tau­fe und eine Paten­schaft dis­ku­tiert. Kurz­um, der Pas­tor hat als Ver­tre­ter sei­ner Kir­che um die Mit­glie­der in sei­ner Gemein­de gewor­ben. Er hat sozu­sa­gen sein “Pro­dukt” aktiv ver­kauft. Aber wel­cher Pas­tor sucht heu­te noch die Men­schen in sei­ner Gemein­de daheim auf?

Zu Weih­nach­ten 2012 hat Dani­el Deckers zu die­sem The­ma in der FAZ den Arti­kel “Wider das Kir­chenster­ben” geschrie­ben. Er bringt in sei­nem Arti­kel auf den Punkt, was Kir­chen über die rein mate­ri­el­le Funk­ti­on eines Gebäu­des hin­aus bedeu­ten:

Gera­de an Fei­er­ta­gen wie Weih­nach­ten, aber auch an Tagen per­sön­li­cher wie kol­lek­ti­ver Trau­er zeigt sich, dass selbst die unschein­bars­te Kir­che mehr ist als ein see­len­lo­ser Ver­samm­lungs­raum für eine zuneh­mend klei­ner wer­den­de Zahl reli­giö­ser Vir­tuo­sen mit selt­sam anmu­ten­den Zere­mo­ni­en. Als Gedenk- und Erin­ne­rungs­ort ver­ge­gen­wär­ti­gen sie die Ver­gan­gen­heit, als Orte des Hei­li­gen tran­szen­die­ren sie die Gegen­wart, als Stein gewor­de­ner Glau­be bezeu­gen sie die sprach­lich kaum fass­ba­re Hoff­nung auf Ewig­keit. Genau des­we­gen waren und sind Kir­chen den Ideo­lo­gen jeder Cou­leur stets ein Dorn im Auge gewe­sen, genau des­we­gen scha­ren sich noch heu­te Bür­ger, die an allem zwei­feln, um ihre von Ideo­lo­gi­en jeder Art bedroh­ten Kir­chen. Genau des­we­gen wer­den auch heu­te noch Kir­chen gebaut.

Schon seit Jahr­hun­der­ten wer­den Got­tes­häu­ser ihrer lit­ur­gi­schen Nut­zung ent­zo­gen, auf­ge­ge­ben und dem Ver­fall preis­ge­gen. Wer sich aber ent­schei­det, ein Kir­chen­ge­bäu­de auf­zu­ge­ben, der ent­schei­det sich gleich­zei­tig für die Auf­ga­be der Gemein­schaft. Natür­lich ist es mög­lich, hin­ter der Stadt­teil­bi­blio­thek von Leher­hei­de ein neu­es Zen­trum zu errich­ten. Aber die alten Kir­chen­ge­mein­den wer­den zer­fal­len! Wel­cher alte Mensch wird sich schon von Spe­cken­büt­tel auf den Weg nach Leher­hei­de machen, um dort am Got­tes­dienst oder einer Bibel­stun­de teil­zu­neh­men.

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