Das war meine Werft – Folge 9

Zu den bekann­tes­ten Werf­ten in Bre­mer­ha­ven gehör­te sicher­lich die Rick­mers-Werft. In ihrer 150-jäh­ri­gen Fir­men­ge­schich­te fan­den hier Tau­sen­de Schiff­bau­er, Nie­ter und Schwei­ßer aus Bre­mer­ha­ven  und dem Umland Arbeit. Und die Bewoh­ner rund um der Geest­hel­le hat­ten sich mit dem fort­dau­ern­den Lärm der Nietham­mer eben­so arran­giert wie mit dem nächt­li­chen Auf­blit­zen der Schweißgeräte.

Zeitgenössisches Ölgemälde Rickmer Clasen Rickmers (1807–1886)

Im Jah­re 1832 stie­gen auf Hel­go­land der 25-jäh­ri­ge Holz­schiff­bau­er Rick­mer Cla­sen Rick­mers und sei­ne Ehe­frau Etha in eine selbst gebau­te Scha­lup­pe und segel­ten nach Bre­mer­ha­ven. Rick­mers hat­te auf sei­ner Hei­mat­in­sel Hel­go­land das Schiff­bau­hand­werk erlernt und auf wei­ten Rei­sen nach Bra­si­li­en, Mexi­co und USA vie­le Erfah­run­gen gesam­melt. Kaum in Bre­mer­ha­ven ange­kom­men, begann Rick­mers sei­ne Tätig­keit als Meis­ter­knecht auf der Werft von Cor­ne­li­us Jant­zen Cor­ne­li­us. 1834 mie­te­te der Hel­go­län­der einen klei­nen Zim­me­rer­platz an der Oster­stra­ße, auf dem er nur in den Som­mer­mo­na­ten klei­ne­re Boo­te her­stel­len und repa­rie­ren konn­te. 1836 lief das ers­te Schiff vom Sta­pel. Es war der 23 BRT gro­ße Kahn “Catha­ri­na”, den Rick­mers im Auf­trag des Geesten­dor­fer Kapi­täns Len­the baute.

Der Betrieb ent­wi­ckel­te sich so gut, dass Rick­mers beim Amt­mann um einen grö­ße­ren Platz an der Gees­te dicht ober­halb der Fäh­re nach­such­te. Zunächst wur­den sei­ne Gesu­che abge­lehnt, doch 1839 erhielt er end­lich das gewünsch­te grö­ße­re Grund­stück. Bereits 1843 lief ein Voll­schiff mit einer Kiel­län­ge von 35 Meter und einer Trag­fä­hig­keit von 850 Ton­nen vom Sta­pel. Das für dama­li­ge Zei­ten rie­si­ge Schiff wur­de auf den Namen “Bre­men” getauft.

1854 ließ  Rick­mers den ers­ten deut­schen Clip­per, die “Ida Zieg­ler”, vom Sta­pel lau­fen. In der Fol­ge­zeit bau­te er so vie­le Schif­fe, dass Rick­mers 300 Arbei­ter beschäf­ti­gen konn­te. So wur­de auch die­ser Platz zu klein, und Rick­mers mach­te sich erneut auf die Suche nach einem grö­ße­ren Stand­ort. Die­sen fand er auch, aber nicht in Bre­mer­ha­ven son­dern auf Geest­e­mün­der Gebiet in Geest­hel­le. Geest­hel­le gehör­te ursprüng­lich zu Lehe, wur­de aber auf Betrei­ben des Amt­manns dem han­no­ver­schen Geest­e­mün­de zugeschlagen.

Visitenkarte

1856 bau­te Rick­mers auf der Geest­hel­le (auf dem Gebiet um die vor­letz­te Geest­e­schlei­fe vor der Mün­dung) also einen moder­nen Werft­be­trieb, der 1857 eröff­net wur­de. Bis zum Tode des Grün­ders 1886 wur­den nur Holz­schif­fe gebaut, da R. C. Rick­mers den Eisen­schiff­bau ablehnte.

"Etha Rickmers"

Doch das größ­te Schiff der Rick­mers­werft war der mit einem Hilfs­mo­tor aus­ge­stat­te­te Fünf­mas­ter “R. C. Rick­mers”. Rick­mer Cla­sen Rick­mers hat den Sta­pel­lauf des von ihm geplan­ten in sei­ner Art größ­tem Schiff der Welt nicht mehr erlebt. Er starb am 27. Novem­ber 1886.

"Herzogin Sophie Charlotte"

Nach dem Tod des Grün­ders R. C. Rick­mers stell­ten sei­ne Söh­ne Andre­as Cla­sen Rick­mers (1835–1924), Peter Andre­as Rick­mers (1838–1902) und Wil­helm Hein­rich Rick­mers (1844–1891) die Werft auf den moder­nen Eisen­schiff­bau um. 1894 wird das ers­te Stahl­schiff gebaut, die Vier­mast­bark “Her­zo­gin Sophie Char­lot­te”.

1889 wur­de die Werft in eine Akti­en­ge­sell­schaft umge­wan­delt, sämt­li­che Akti­en blie­ben im Besitz der Fami­lie. Dass Fami­lie Rick­mers ein tra­di­tio­nell patri­ar­cha­li­sches Fir­men­ver­ständ­nis pfleg­te, kommt bei der Ein­rich­tung des gro­ßen Werft­ge­län­des zum Aus­druck. Die Fami­lie plant auch eine werf­t­ei­ge­ne Arbei­ter­sied­lung. In der Mit­te der zwei recht­wink­lig ange­ord­ne­ten Häu­ser­zei­len errich­tet der Patri­arch eine Fami­li­en­vil­la mit Garten.

Rickmers Werft

Nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges wur­de die Werft 1914 vor­über­ge­hend still­ge­legt, doch schon 1915 wur­den für die Reichs­ma­ri­ne Minen­such­boo­te gebaut. Als ers­tes Schiff nach Ende des Krie­ges lief 1920 die “Sophie Rick­mers” vom Sta­pel. Doch dann erreich­te die Wirt­schafts­kri­se 1924 auch die Rick­mers­werft, und zwar so hef­tig, dass sich der Lei­ter Paul Rick­mers ent­schließt, den Betrieb stillzulegen.

1928 ist die Rickmers-Werf tnoch stillgelegt

Sei­ne Ent­schei­dung, die Werft­to­re zu schlie­ßen, bedeu­te­te für 380 Mit­ar­bei­ter den Weg in die Arbeits­lo­sig­keit. Nur eini­ge Jah­re spä­ter ereil­te das glei­che Schick­sal auch vie­le ande­re deut­sche Werf­ten. Für die­se gab es zumeist kei­ne Ret­tung, sie wur­den demon­tiert. Für die Rick­mers-Werft zeig­te sich mehr als zehn Jah­re spä­ter, dass die Ent­schei­dung Paul Rick­mers klug war. Die zum größ­ten Teil ver­al­te­te Fisch­damp­fer­flot­te muss­te repa­riert oder ersetzt wer­den. Ab 1936 beka­men die Werf­ten an der Unter­we­ser wie­der zahl­rei­che Aufträge.

1937 wird auf der Rickmers-Werft wieder gearbeitet

Im Hin­blick auf die­se erfreu­li­che Ent­wick­lung ent­schloss sich 1937 auch Paul Rick­mers, sei­ne Werft­to­re wie­der zu öff­nen. Zunächst beschäf­tig­te er 40 Leu­te, um die still­ge­leg­te Werft wie­der betriebs­be­reit zu machen. Die teil­wei­se ver­rot­te­ten Hel­gen muss­ten repa­riert und erneu­ert wer­den. Neu­es moder­nes Werk­zeug wur­de ange­schafft, das Ersatz­teil­la­ger auf­ge­füllt und eine neue Slip­an­la­ge für Schif­fe bis 1500 Ton­nen gebaut. Als sich das Jahr 1937 dem Ende zuneig­te, ver­dien­ten bereits wie­der 266 Arbei­ter ihr Brot auf der Rick­mers-Werft – vie­le Beschäf­tig­te waren ehe­ma­li­ge Werftangehörige.

Eingangstor zur Rickmers-Werft mit Gaststätte Hermann Waterstraat

Die Werft erhält vie­le wei­te­re Auf­trä­ge. Die KdF-Schif­fe “Der Deut­sche” und “Sier­ra Cor­do­ba” wer­den instand gesetzt, Ber­gungs­schif­fe wer­den repa­riert und die Fisch­damp­fer “R. Walt­her Dar­ré” und “Carl Röwer” müs­sen umge­baut und aus­ge­bes­sert wer­den. Zusätz­lich ist die Werft mit zahl­rei­chen Neu­bau­ten wie Küs­ten­mo­tor­schif­fe, klei­ne Frach­ter und auch Fisch­damp­fer gut ausgelastet.

Dann rüs­tet das NS-Regime für einen Krieg auf, die Pro­duk­ti­on für die zivi­le Schiff­fahrt wird ein­ge­stellt. Die Kriegs­ma­ri­ne lässt nun haupt­säch­lich Minen­such­boo­te bauen.

Minensuchboote

Die Werft wird aus­ge­baut und beschäf­tigt 1940 bereits 840 Men­schen, 1943 sind es mehr als 1000 Men­schen, dar­un­ter über 200 Zwangs­ar­bei­ter. Bei dem Bom­ben­an­griff auf Bre­mer­ha­ven am 18. Sep­tem­ber 1944 wird das Rick­mers­ge­län­de durch 2000 Brand­bom­ben zum gro­ßen Teil zer­stört. Auch die meis­ten Wohn­häu­ser und die Rickmers’sche Vil­la wur­den Opfer der Bom­ben oder des anschlie­ßen­den Feu­ers. Wäh­rend des Krie­ges wer­den auf der Rick­mers-Werft kei­ne Schif­fe mehr gebaut oder repariert.

Stapellauf

Nach dem Krieg durf­ten auf­grund des Pots­da­mer Abkom­mens deut­sche Werf­ten kei­ne Schif­fe mehr bau­en. So war es ein Glück, dass die Rick­mers-Werft Repa­ra­tur­auf­trä­ge für die US-Navy bekam.

Da die Fami­li­en­vil­la der Rick­mers ja zer­stört war, wohn­ten die­se nun eine Zeit­lang in einem Gebäu­de, in dem auch das tech­ni­sche Büro unter­ge­bracht war. Die Arbei­ter soll­ten tra­di­ti­ons­be­wusst sein. Der ers­te Absatz aus einem Merk­blatt für Lehr­lin­ge aus dem Jah­re 1956 lau­tet: “Du bist ein Lehr­ling der Fir­ma Rick­mers-Werft Bre­mer­ha­ven. Die­ses Bewusst­sein muss Dich stolz machen. Dein Stolz sei aber nicht Über­heb­lich­keit son­dern Verpflichtung.”

Küstenfrachter

Auch Küs­ten­mo­tor­schif­fe und Fische­rei­fahr­zeu­ge durf­ten her­ge­stellt wer­den. Aus den Fische­rei­fahr­zeu­ge ent­wi­ckel­te die Rick­mers-Werft in den 1950er Jah­ren die Heck­traw­ler. Schließ­lich lie­fen an der Geest­hel­le auch wie­der Fracht­schif­fe für Deutsch­land und für das Aus­land vom Stapel.

Werftarbeiter

Da die tech­ni­schen Anfor­de­run­gen an die Schif­fe immer anspruchs­vol­ler wur­den, ließ die Rick­mers-Werft 1967 im Fische­rei­ha­fen einen moder­nen Repa­ra­tur­be­trieb mit Krä­nen auf der mehr als 450 Meter lan­gen Pier­an­la­ge bau­en. Nun wur­de der Betrieb für Repa­ra­tu­ren- und Umbau­ar­bei­ten in den Fische­rei­ha­fen aus­ge­la­gert. Auch Neu­bau­ten wur­den hier nun ausgerüstet.

Rickmers-Werft

Mit­te der 1980er Jah­re wird es wie­der schwie­rig. Wegen der asia­ti­schen Kon­kur­renz waren deut­sche Schif­fe schwer zu ver­kau­fen, die Werft bekam finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten. Der Mehr­zweck-Con­tai­ner­frach­ter “Brit­ta Thien” war der letz­te Neu­bau, der vom Sta­pel lief. Ein Anfang 1985 ver­such­ter Ver­gleich schei­ter­te, und ein Jahr spä­ter muss­te  der Kon­kurs bean­tragt werden.

Helgen-Portaldrehkran der Rickmers-Werft

Noch heu­te erin­nert der grü­ne Hel­gen-Por­tal­dreh­kran vor dem Gebäu­de des Arbeits­am­tes an die Rick­mers-Werft. Das gro­ße Arbeits­amts­ge­bäu­de gab es frü­her noch nicht. Auf dem Grund­stück stand die Schiff­bau­hal­le. Und in dem heu­te ver­schlick­ten und mit hohen Grä­sern bewach­se­nen Fluss­bo­gen war der “Schlipp”.

Steinfragmente auf dem ehemaligen Werftgelände

Auch das his­to­ri­sche Ein­gangs­tor ist noch erhal­ten und steht unter Denk­mal­schutz. Wie vie­le Arbei­ter mor­gens und abends wohl die­ses Tor pas­siert haben mögen?

Werkstor heute

Auf den Weg zur Arbeit benutz­ten vie­le den “schwar­zen Weg” am Geest­e­bo­gen. Es war ein Fahr­rad­weg, der nach Geest­e­mün­de führ­te. Am Weg stand eine Erfri­schungs­bu­de mit einer Feu­er­lösch­platt­form. Und dort, wo heu­te das Kapi­täns­vier­tel beginnt, schlos­sen sich die Büros an.

Als sich die Werft­to­re für immer schlos­sen, waren bei Rick­mers 1.200 Mit­ar­bei­ter beschäftigt.

Quel­len:
Har­ry Gab­cke: Bre­mer­ha­ven in zwei Jahr­hun­der­ten 1827 — 1918
Har­ry Gab­cke: Bre­mer­ha­ven in zwei Jahr­hun­der­ten 1919 — 1947
Nord­see-Zei­tung vom 29.08.2012
wikipedia.org

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2 Antworten

  1. Gyula Vadàsz sagt:

    Als Nach­ruf. Wie wir mit­be­kom­men haben, Rick­mers Ree­de­rei auch Geschich­te. Es war trotz­dem beim Rick­mers eine schö­ne Zeit. Selbst wenn ich bei Pro­be­fahr­ten immer see­krank gewe­sen bin.

  2. Gyula Vadasz sagt:

    Es stimmt, man war stolz und zufrie­den bei Rick­mers arbei­ten zu kön­nen. Es ist scha­de, das es Rick­mers nicht mehr gibt. Muss man trotz­dem sagen die deut­sche Werf­ten waren zu teu­er und veraltet.

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